Peter Bogdanovich (*1939)

Staffelläufer der Filmgeschichte

Als die Nouvelle Vague Anfang der 1960er Jahre nach New York überschwappte, war Peter Bogdanovich zur Stelle. Der am 30. Juli 1939 in New York als Sohn eines Serben und einer Österreicherin geborene Filmbesessene, der über gesehene Filme eine Kartei führte, wurde genau in jenen Jahren, in denen das Studiosystem zusammenbrach, zu dessen glühendstem Bewunderer.

Mit 21 Jahren stellte er für das Museum of Modern Art in New York die erste Orson-Welles-Retrospektive zusammen und veröffentlichte dazu eine Monografie. Bogdanovich interviewte – mit unverhohlen gezeigter Verehrung – Altmeister wie Walsh, von Sternberg, Hitchcock und McCarey. Er ernannte Regisseure wie Hawks, Ford und Lubitsch zu seinen Idolen, während Dennis Hopper George Cukor angiftete: «Wir werden euch begraben!»

Ein furioser Start

An derlei dachte Bogdanovich nicht. Er sah sich als Staffelläufer, dessen Aufgabe darin bestand, den Stab von der einen Generation zu übernehmen und an die nächste weiterzureichen. Mit geflunkerten 18 Jahren (in Wirklichkeit war er erst 16) wurde Bogdanovich von der legendären Schauspiellehrerin Stella Adler in ihr Studio aufgenommen. Er spielte Theater, machte Fernsehen und führte auf der Bühne Regie. Anfang zwanzig war er bereits einer der wichtigsten Filmpublizisten Amerikas. Und er organisierte in New York als Programmleiter weiterhin aufsehenerregende Retrospektiven. 1968 war es dann so weit: Bogdanovich reihte sich als Regisseur in den Staffellauf ein. Von Roger Corman erhielt er die Chance, für sehr wenig Geld «Targets» zu drehen. Die Konstellation war symptomatisch für Bogdanovich: Die Hauptrolle spielte der achtzigjährige Boris Karloff, der als Frankensteins Monster zu unsterblichem Ruhm gelangt war, und aus Spargründen musste bereits gedrehtes Material in die Story eingebaut werden.

Mit «The Last Picture Show» porträtierte Bogdanovich 1971 nicht nur überzeugend die Perspektivenlosigkeit einer texanischen Kleinstadt Anfang der fünfziger Jahre, er traf auch akkurat das Lebensgefühl der Siebziger. Der Film wurde für acht Oscars nominiert und ist bis heute Bogdanovichs Meisterstück geblieben. Typischerweise kein rebellischer Film, sondern ein wehmütiger Abgesang mit einer nostalgischen Melancholie, die sich durch sein gesamtes Werk zieht.

Es folgten 1972 und 1973 zwei weitere wunderbare Filme, mit denen er die grosse Vergangenheit Hollywoods feierte und neu belebte: «What’s Up, Doc?» – die erste Screwball-Comedy seit Jahrzehnten mit Barbra Streisand und Ryan O’Neil in den Hauptrollen, sowie das Roadmovie «Paper Moon» mit Tatum und wiederum Ryan O’Neil als sympathische Trickbetrüger. Vier wunderbare Filme in fünf Jahren – und danach praktisch nur noch künstlerische oder finanzielle Enttäuschungen. Fortan machte Bogdanovich vor allem Schlagzeilen mit seinem Privatleben – besonders spektakulär, als er sich 1980 beim Dreh zu «They All Laughed» in das Playmate Dorothy Strattan verliebte und dieses nach Drehschluss von dessen eifersüchtigem Ehemann ermordet wurde.

1985 schien es, als ob Bogdanovich dank dem Familiendrama «Mask» mit Cher als überforderter Mutter eines missgestalteten Teenagers wieder Tritt gefunden hatte. Aber viel mehr als ein Aufflackern der Fackel war nicht erkennbar. Nur 1992 bewies er mit «Noises Off» noch einmal, dass er handwerklich nach wie vor alles draufhatte. Er überführte – unterstützt von einem brillanten Ensemble – ein unglaublich komisches Boulevardstück in einen unglaublich komischen Film.

Ein möglicher Schlussspurt

Ob Bogdanovich die Fackel nochmals zum Lodern bringen kann? Vielleicht besteht Hoffnung, denn am heutigen 30. Juli wird Bogdanovich 70 Jahre alt, und vielleicht erinnert er sich nun daran, dass ihm sein Mentor Orson Welles schon vor Jahrzehnten anvertraut hat: «Nur in seinen Zwanzigern und in seinen Siebzigern und Achtzigern macht man die beste Arbeit. Der Feind des Lebens ist das mittlere Alter.» Hoffen wir also auf Peter Bogdanovichs grossen Schlussspurt im Staffellauf. Schub verleihen könnte beispielsweise, dass es ihm endlich gelingt, den 1972 abgedrehten, aber nie fertig geschnittenen Film «The Other Side of the Wind» von Orson Welles auf die Leinwand zu bringen.

© THOMAS BINOTTO

PUBLIZIERT AM 30.7.2009 IN DER «NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG»

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