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Betörende Mechanismen des Films

Nach einer Filmlesung in der Bibliothek von Gais am 19. Mai 2016 hat die Journalistin Brigitta Schmid dazu den folgenden Bericht geschrieben. Neben ihrer überaus positiven Kritik freut mich ganz besonders, wie anschaulich sie meine Filmlesung beschreibt:

Aktuell ist er in Ostschweizer Schulen unterwegs für „Literatur aus erster Hand“. Am vergangenen Donnerstag machte Thomas Binotto mit seiner Filmlesung „Panem ist überall – Realität und Fiktion im Kino“ auch in der BiblioGais einen Zwischenhalt. Er „las“ in der Filmtrilogie „Tribute von Panem“ und in weiteren Filmen. Über seine Power-Point-Präsentation miteinander verbunden fiel es den Anwesenden nicht schwer, sich in die Welt der Bilder, des Scheins und des Trugs entführen zu lassen. Binotto führte leicht und interessant, aber mit scharfem Blick für das Detail durch den Abend und dabei hielt er manch eine Überraschung für sein Publikum bereit.

Wer nun geglaubt hat, dass es gemessen am zu Grunde liegenden Film wohl eher eine Veranstaltung für das jüngere Publikum sei, sah sich schnell eines Besseren belehrt. Auch wenn die Bücher von Suzanne Collins die Vorlage für die Filmreihe sind, eher von einem jüngeren Publikum gelesen werden, wusste Binotto mit seinen Argumenten alle Filmbegeisterten zu fesseln.

Trügerische Welt der Bilder

Thomas Binotto ist Journalist und er hat schon unzählige Texte geschrieben, darunter auch Bücher, woraus sich sicher mit Gewinn lesen liesse. Mitgebracht nach Gais hat er aber verschiedene Filme und einen wachen Blick auf die Mechanismen, die dahinter stecken. Er ist ein versierter Erzähler und in Kombination mit seinen Ausführungen immer wieder Filmausschnitte einblendend entfaltete er die faszinierende Welt des Films, ja der Bilder überhaupt. Er entlarvte das Kino schnell als eine Maschine, die Illusionen so gestaltet, dass wir sie für die Wirklichkeit halten. Mit den ersten Bildern eines Films tauchen wir ein in eine illusionäre Geschichtenwelt. Binotto verstand es anhand einer geschickt zusammengestellten Auswahl von Filmbeispielen die Regeln des Spiels zwischen Realität und Fiktion aufzuzeigen.

Rasante Entwicklung

Vom Filmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ aus den 20er Jahren über Charlie Chaplins „Der grosse Diktator“ und die legendäre Technik von Francois Truffaut aus den 60er Jahren bis hinein in die Filmgegenwart mit den Filmen „Tribute von Panem“ spannte er einen weiten Bogen. Zeigen wollte er die Macht der Bilder auf jeden einzelnen von uns, aber auch die Möglichkeiten des Scheins, Trugs oder gar Betrugs gibt es unzählige. Er zeigte die Mechanismen der filmischen Manipulation bis hin zur puren Propaganda. Meist beginnt es ganz harmlos über einzelne Bildimpulse und führt dann über rasante Schnitte und untermalt mit passender Musik hin zum fulminanten Ende. Dem Zuschauer bleibt die konsternierte Frage: „Was ist hier denn nun eigentlich echt“?

Die Filmindustrie, ja die gesamte Medienwelt befinden sich längst in einem „Spiel um die Macht der Bilder“, das sich schnell und trügerisch dreht. Nur wer hat darüber die Kontrolle? Jedes Bild, das wir sehen, zeigt einen bestimmten Ausschnitt aus Raum und Zeit und in jedem Fall wird unser Hirn dieses ergänzen durch das Vorstellen einer Rahmengeschichte. Die Spannung im Film lebt elementar vom Schnitt der Bilder, aber auch die musikalische Untermalung ist wesentlich für die Wirkung, die die Bilder auf uns haben. Diesem gleichen Mechanismus unterliegen auch Bilder aus der Realität. Binottos Antwort darauf: niemals unkritisch oder unhinterfragt ein Bild annehmen und weitertransportieren, man muss lernen zu fragen: warum? wieso?

Anziehungskraft der Bilder

Kommt der Humor dazu – wie bei Charlie Chaplin zum Beispiel – so sind die Filme, kritisch betrachtet, auf jeden Fall beste Unterhaltung ohne jeden erhobenen Zeigefinger. Alles ist dirigiert. Jeder Kinofilm, ja jede Fotografie hat einen Manipulator, der dahinter steht und mit seinen Absichten die Szene, das Bild prägt. Das zeigte er eindrücklich anhand des Films „Olympia- Fest der Völker 1938“ von Leni Riefenstahl. Ein opulenter Propagandafilm, der heute noch ungute Gefühle weckt. So wie die Heldin der Filme „Tribute von Panem“ in der Klemme steckt zwischen ihrer Authentizität und den Zwängen, die ihr durch die Spiele und die Notwendigkeit des Überlebens angetragen werden, so steckt jeder Betrachter des Films in einem ähnlichen, wenn auch weniger existenziellen,  Zwiespalt zwischen Abscheu und Faszination. Man will nicht zum Komplizen des Bösen werden und doch steckt man mit jedem Bild tiefer in der Geschichte drin.

Kritischer, aber offener Blick

Thomas Binotto entfaltete anhand von Filmsequenzen eine kritische, immer anregende Sicht auf die unzähligen Möglichkeiten, mit Bildern Menschen zu fesseln und Menschen zu täuschen. Begonnen hat alles ganz harmlos vor über 100 Jahren mit der Entdeckung des Filmschnitts. Aber einmal in Bewegung gesetzt begann damit eine rasante unaufhaltsame Entwicklung hin zu immer mehr Bildern in immer kürzerer Zeit. Binotto ist nach eigenen Worten ein Film- und Geschichtensüchtiger, dem man mit Gewinn begegnet. Im Zusammenspiel mit seinem Talent des genauen, kritischen Blicks führt er sein Publikum mit Leichtigkeit in verschiedene Filmwelten hinein und wieder hinaus, nur um sich gleich darauf ins nächste Bilderabenteuer zu stürzen. Ein Abend mit ihm ist Unterhaltung im besten Sinn und animierte bestimmt den einen oder die andere Zuhörerin doch einmal wieder einen Blick in das Kinoprogramm zu werfen.

Brigitta Schmid

Herzlichen Dank an die Autorin für die Erlaubnis, ihren Text hier zu verwenden.