Robert Redford (*1936)

Ein heimlicher Outlaw

Sein charismatisches Lächeln, sein federnder Gang, seine jungenhafte Glaubwürdigkeit, sein unverschämt gutes Aussehen – die Natur scheint Robert Redford zwingend ins Rampenlicht zu drängen. Dieses Charisma trägt ihm seit bald fünfzig Jahren nicht nur Bewunderung, sondern auch permanente Unterschätzung ein. «Es ist nicht leicht, Robert Redford zu sein», hat er einmal gesagt, und an anderer Stelle: «Die Zuschauer halten die Figur, die sie auf der Leinwand sehen, für Bob Redford, was natürlich nicht stimmt. Die harte Arbeit ist es ja gerade, diese Illusion zu erzeugen.»

Auf den Leib geschrieben?

Aber nur selten, wenn ihm dieses Kunststück gelingt, wird seine schauspielerische Leistung gelobt. Ob «Butch Cassidy and the Sundance Kid», «The Sting», «All the President’s Men» oder «The Way We Were», immer wenn Redford grossartig ist, heisst es, die Rolle sei ihm auf den Leib geschrieben. Nur wenige andere Stars haben sich so ausgiebig und klug darüber Gedanken gemacht, was der Starruhm mit ihrer Persönlichkeit veranstaltet. Mit verhaltenem Unmut beklagt Redford, wie das Image allmählich die Person zu verschlingen droht. Trotz der glasklaren Selbstdiagnose liegt es jedoch nicht in seinem Naturell, sich dem Image spektakulär zu entziehen. Einmal hätte er gerne Rasputin gespielt, aber sonst hat er sich damit begnügt, das Leben etwas schwieriger zu gestalten, als es eigentlich nötig gewesen wäre.

Ob als Gefängnisdirektor, Kunstflieger, Baseballspieler oder Rodeoreiter – hinter der Fassade des Strahlemanns lauert der Rebell. Und so ist Redford zweifellos der bestaussehende, sympathischste und kultivierteste Outlaw der amerikanischen Filmgeschichte. Das war schon 1965 in «The Chase» von Arthur Penn so und zieht sich seither durch sämtliche Karrieren Robert Redfords – und das sind nicht wenige.

Bereits 1969 hatte er damit begonnen, Filme zu produzieren. Zehn Jahre später führte er bei «Ordinary People» erstmals Regie – und gewann dafür gleich einen Oscar. Als Schauspieler war er bezeichnenderweise nur ein einziges Mal nominiert, ohne die Auszeichnung für «The Sting» auch zu erhalten. Durch seine Regiearbeiten zieht sich noch akzentuierter als durch seine Schauspielerlaufbahn ein einziges Thema: der Verlust der Unschuld. Redford glaubt zwar nach wie vor an den amerikanischen Traum, aber er ist überzeugt, dass dieser auf einer gottverlassenen Ranch besser aufgehoben ist als an der Wall Street. Ob in «The Milagro Beanfield War», «Quiz Show» oder seinem schönsten Film, «A River Runs Through It» – immer beklagt er die Korrumpierung amerikanischer Ideale, ohne als naiver Nostalgiker dastehen zu wollen. Er weiss sehr wohl, dass diese Korruption eine lange Tradition hat.

Der Rebell

Ein typischer Akt Redfordscher Rebellion war 1980 die Gründung des Sundance Institute und 1984 des Sundance Festival. Nach einer knappen Dekade New Hollywood war das amerikanische Kino kommerzieller denn je, nicht zuletzt dank seinen einstigen Rebellen. Ausgerechnet Redford, der nie zu den Bilderstürmern gehört hatte, begann damit, den unabhängigen amerikanischen Film zu fördern. Auch daraus musste fast zwangsläufig eine Redfordsche Erfolgsgeschichte werden: Heute ist Sundance eines der wichtigsten Festivals weltweit, wo sich die grossen Studios ihre Talente greifen.

Redford verkörpert wie kein anderer Star Kontinuität und Bruch in der amerikanischen Filmgeschichte. Einerseits erfüllt er als Star sämtliche Ansprüche, die das alte Studiosystem hatte. Anderseits gehört er zu jener Handvoll Schauspieler, die Ende der sechziger Jahre mächtiger als die Produzenten und Regisseure wurden und folgerichtig immer häufiger auch deren Funktionen übernahmen. Dieser gleichzeitig rückwärts- und vorwärtsgewandte Redford wird nirgends so offensichtlich wie im Western. Als das Genre bereits totgesagt war, wurde er als Butch Cassidy zum Superstar. In «Jeremiah Johnson», «The Electric Horseman» oder «The Horse Whisperer» trauert er dem Mythos des Westens nach und versucht ihn gleichzeitig neu zu beleben. Als Redford aus dem goldenen Superstarkäfig ausbrechen wollte, machte er sich zu Pferd auf die Suche nach dem alten Westen und schrieb das Buch «The Outlaw Trail». Redford ist und bleibt selbst der heimliche Outlaw – und immer wieder grossartige Melancholiker, beispielsweise im scheinbar so leichtgewichtigen und dennoch von Verlustängsten unterminierten Gaunerstück «Sneakers».

Nun wird Robert Redford am 18. August siebzig Jahre alt. Schon? Wo doch sein Lächeln und seine Energie durch kein Alter zu brechen zu sein scheinen. Erst? Weil man das Gefühl hat, Robert Redford sei schon immer da gewesen. Für ihn selbst ist es vielleicht beruhigend, als alter Mann nun doch endlich den falschen Robert Redford hinter sich zu lassen. Ganz in Ruhe lassen wird dieser ihn allerdings vorläufig nicht: Im Herbst kommt sein neuer Film ins Kino, «Lions for Lambs» – dafür stand der Outlaw hinter und der Star vor der Kamera.

© THOMAS BINOTTO

PUBLIZIERT AM 18.8.2007 IN DER «NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG»

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