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Messias-Filme aus 7 Jahrzehnten

Die biblische Geschichte und die Figur des Messias beflügelten schon immer auch Filmschaffende. In der Zeitung «refomiert.» habe ich meine ganz persönliche Auswahl von möglichen und unmöglichen Jesusfilmen präsentiert:

Biblisch wider Willen

Gegen Ende des letzten Jahrtausends fasste Peter Jackson den irrsinnigen Gedanken, ein Buch von biblischem Ausmass zu verfilmen: die komplexe Trilogie «Der Herr der Ringe». Fundamentalistisch eifernde Fans bekämpften jeden Verstoss gegen Werktreue heftig. Jacksons Wagemut hielt dem Druck jedoch stand. Das bis dahin teuerste Werk der Filmgeschichte wurde auch eines der erfolgreichsten.

Autor J. R. R. Tolkien, gläubiger Katholik, hat zwar zeitlebens bestritten, sein Epos habe irgendwas mit Christentum zu tun. Das war reine Selbsttäuschung. Frodo ist ganz offensichtlich eine messianische Ge­stalt. Geboren wird er als leutseliger Hobbit im Auenland, und dann wird ihm eine übermenschliche Aufgabe aufgeladen. Frodo soll Sauron besiegen. Und Sauron ist das Böse schlechthin. So trägt Frodo also das Schicksal von ganz Mittelerde auf sei­nen Schultern und wird zum Schmer­zensmann. Am Ende überlebt er zwar, ist aber von seinem Kreuzweg derart gezeichnet, dass er in einem göttlichen Gnadenakt von Mittelerde entrückt wird.

Herr der Ringe

Regie: Peter Jackson, USA 2001–2003.
Streaming: Amazon, Sky.
DVD, BluRay


Religiösen Kitsch ad absurdum geführt

Jesus als Witzfigur am Kreuz, so sahen es all die Christen, die 1979 gegen «Monty Python’s Life of Brian» Sturm liefen. Dass in dieser Satire jedoch gar nicht Christus, sondern Brian gekreuzigt wird, das hatten sie offenbar nicht mitgekriegt. Kein Wunder: Die meisten der Protestler hatten den Film gar nicht gesehen. Dennoch waren sie ganz zu Recht aufgebracht: Die Komikergruppe Monty Python machte sich tatsächlich hemmungslos lustig. Allerdings nicht über den Erlöser, sondern über die fundamentalistischen Frömmler. Also genau über jene Kreise, die nun protestierten.

Besonders viel Wut ergoss sich über die letzte Einstellung des Films: eine Massenkreuzigung, die zum Showstopper verkommt, weil alle Gekreuzigten im Chor «Always look on the bright side of life» singen. Wieder fühlten sich die Frömmler zu Recht betroffen, denn Monty Python zielte tatsächlich auf jenen religiösen Kitsch, in dem jedes Leiden angeblich einen tiefen Sinn hat und man Leidende mit platten Kalendersprüchen im Sinne von «jede Krise eine Chance» abfertigt.

Life of Brian

Regie: Terry Jones, England 1979.
Streaming: Amazon, Netflix, Apple.
DVD, BluRay


Berührend subtiles Jesusporträt

In den 1950er-Jahren wurden die Filme länger und breiter: Der Monumentalfilm in Cinemascope eroberte die Leinwand. Höhepunkt war «Ben Hur». Das legendäre Wagenrennen benötigte fünf Wochen Drehzeit und gut 15 000 Statisten.

«A Tale of Christ by General Lew Wallace» stand damals klein auf dem Filmplakat. Wallace, geboren 1827, war Soldat und Politiker. Zum Schriftsteller wurde er nur, weil sich einer seiner Offiziere über Jesus lustig gemacht hatte. Weil Wallace nichts zu entgegnen hatte, begann er sich intensiv mit der Bibel zu beschäftigen. 1880 publizierte er dann «Ben Hur – A Tale of Christ» – ein gigantischer Erfolg.

Seine heimliche Hauptfigur behandelte Wallace mit Respekt. In der Theaterversion durfte Jesus nur als Lichtstrahl auftreten. Auch der Film «Ben Hur» hielt sich an die Zurückhaltung: Während 222 Minuten ist nie das Gesicht des Erlösers zu sehen, obwohl er mehrmals auftritt. Jesus Christus wird durch seine Wirkung definiert. So verbirgt sich in der Monumentalität ein berührend subtiles Jesusporträt.

Ben Hur

Regie: William Wyler, USA 1959.
Streaming: Amazon, Sky, Apple, Google.
DVD, BluRay


Kühnes Gedankenspiel

Jahrelang schob Martin Scorsese sein Herzensprojekt vor sich her. Doch dann wagte er, basierend auf der Vorlage von Nikos Kazantzakis, in «The Last Temptation of Christ» ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn Jesus, statt der Messias zu werden, einfach Mensch geblieben wäre – mit allen Bedürfnissen? Scorsese täuschte sich gewaltig: Die Zeit, sprich weite Kreise des Christentums, war dafür nicht reif. Sein Film wurde zu einem der grossen Skandale der Filmgeschichte.

Zugegeben, dieser Jesus wird von Willem Dafoe als ziemlich neurotischer Zauderer dargestellt. Letztlich entspricht das aber genau der Versuchsanlage, die kaum jemand wirklich wahrgenommen hat, obwohl bereits der Filmtitel die Spur weist. Das radikale Menschsein, die Abkehr von der Göttlichkeit, das ist die letzte Versuchung, von der Jesus Christus am Kreuz heimgesucht wird. Eine quälende Vision, in der Jesus erfährt, dass es die Option gewöhnlichen Menschseins für ihn gar nicht gibt. Am Ende kriecht er dorthin zurück, wo er nach dem Willen der Evangelien hingehört.

Die letzte Versuchung Christi

Regie: Martin Scorsese, USA 1988.
Streaming: Amazon, Apple, Google.
DVD, BluRay


Stoff für Thriller-Serie

Wenn Jesus heute leben würde? – Diese Frage wird bei Streitigkeiten um das richtige Christentum gern gestellt. Eher nicht wäre der heutige Jesus der unrasierte Typ von nebenan. Und ganz sicher kein Terrorist. Mit genau diesen Fragen spielt die Netflix-Serie «Messiah». Während Damaskus 2019 von IS-Terroristen bedroht wird, taucht ein Wanderprediger auf, von Anhängern als Messias verehrt. Handelt es sich tatsächlich um die Wiederkehr des Messias? Um eine Betrügerei? Oder gar um viel Schlimmeres?

Das Produzentenpaar Mark Burnett und Roma Downey wagte sich mit «Messiah» in neue Gefilde. Zuvor hatten sie die Reihen «Die Bibel» und «Die Bibel: Wie es weitergeht» produziert. Nach den braven Geschichtslektionen folgte nun also der Ausflug ins Spekulative. Wenn Jesus heute leben würde, so ihre Antwort, dann würde daraus ein amerikanischer Politthriller. Damit konnten sie zwar die Evangelien als Dauerbrenner nicht ablösen, aber eines hat die Serie mit der Passion des echten Christus gemein: Sie endet in einem Cliffhanger.

Messiah (Serie)

Idee: Michael Petroni, USA 2020.
Streaming: Netflix


Atheistische Bewunderung

Noch 1963 propagierte Hollywood mit Fanfaren «The Greatest Story Ever Told». Ein Jahr später veränderte ein italienischer Film mit dem nüchternen Titel «Il Vangelo secondo Matteo» das Genre für immer. Hier wurde das Leben Jesu in fast schon sportlichen 131 Minuten erzählt, gedreht in kargem Schwarzweiss und von Laiendarstellern gespielt.

Erstmals hielt sich ein Jesusfilm eng an das Evangelium. Die Dialoge wurden aus Bibelzitaten zusammengestellt. Gedreht wurde zwar nicht an den Originalschauplätzen, aber immerhin in der freien Natur. Das sorgte für Aufsehen, weil der Regisseur Piero Paolo Pasolini so ziemlich alles verkörperte, was fromme Christen für teuflisch hielten: Er war homosexuell, Kommunist und Atheist.

Dass er seinen Film ausgerechnet Papst Johannes XXIII. widmete und mit welcher Ernsthaftigkeit er einen Zugang zur Jesusfigur suchte, das erstaunte wiederum das linke Milieu. Für Pasolini jedoch ging das auf. Er bewunderte Jesus für seine unbequeme Haltung und seine kompromisslose Sozialkritik: «Nichts scheint mir gegensätzlicher zur modernen Welt als jene Christusfigur: sanft im Herzen, aber nie im Denken.»

Das 1. Evangelium – Matthäus

Regie: Pier Paolo Pasolini, Italien 1964
Streaming: Sky
DVD/BluRay

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