Lob der Sendepause

Was macht Fortsetzungsgeschichten wirklich gross? – Die Pause zwischen den Folgen!

Wer schon einmal am Sonntagabend beduselt und leicht beschämt aus einem Serienmarathon aufgewacht ist, der weiss, wie sich «Binge Watching» anfühlt. Der Begriff lässt sich anschaulich und treffend mit «Komaglotzen» übersetzen, also dem Reinziehen von ganzen Staffeln am Stück. Und spätestens seit Corona erleben immer mehr Menschen ihre verlorenen Wochenenden, gezeichnet von Masslosigkeit, Rausch, Kontrollverlust, Kater. Und bevor die Serienpromille abgebaut sind, wird vom Dealer bereits neuer Stoff gefordert.

Eine Folge dieses Suchtverhaltens sind dramatische Erinnerungslücken. Obwohl wir über Stunden hinweg in eine Geschichte eingetaucht sind – eine komplette Serienstaffel dauert zwischen 10 und 20 Stunden – können wir uns kaum mehr an das Erzählte erinnern. So heftig der Flash wirkt, so viel Leere hinterlässt er. In seiner Gier erhöht der Junkie die Dosis. Verlangt nach Speed Watching, will Filme schneller sehen. Also lässt sich bei Netflix nun auch die Geschwindigkeit bis zum Faktor 1,5 zu erhöhen.

Dieser Overkill war im 20. Jahrhundert nicht möglich, als das Fernsehen noch einem linearen Zeitplan folgte und Fernsehzeitschriften in fast jedem Haushalt auflagen. Erstens war das Angebot bis in die 80er Jahre hinein durch die Zahl von Fernsehsendern eingeschränkt. Und zudem war es flüchtig, weil es keine Aufnahmegeräte gab. Nur einmal pro Woche lief «Unsere kleine Farm», «Columbo» oder «Dallas». Und man hatte sich nach Tag und Stunde zu richten. Dem Serienerlebnis allerdings hat das nicht geschadet. Es wurde durch die Begrenzung gar noch tiefer und nachhaltiger.

86 Stunden und 32 Minuten – so lange dauert die reine Sendezeit von «Friends». Die nüchterne Zahl kann allerdings nicht ansatzweise vermitteln, was die wohl erfolgreichste Sitcom der Fernsehgeschichte für ihre Fans bedeutet. Von 1994 bis 2004 in 236 Episoden ausgestrahlt, über Werbeeinnahmen und Lizenzverkäufe finanziert, zunächst einfach ein konventionelles Produkt von NBC, einem bereits 1926 gegründeten Pionier der Fernsehgeschichte.

Und doch haben Millionen von Fans «Friends» in ihre Biografie integriert und ihren Freundeskreis bis heute um Monica, Rachel, Phoebe, Chandler, Ross und Joey erweitert. Als Hauptdarstellerin Jennifer Aniston im Oktober 2019 ihren Instagram-Account mit einem Selfie der «Friends»-Buddies eröffnete, brachte der Ansturm an Likes den Social-Media-Kanal kurzzeitig zum Erliegen. «Friends» wird immer weitererzählt, nur leider die letzten 17 Jahre abseits der Kameras.

Gestartet ist unsere Geschichte mit «Friends» an einem Donnerstagabend, genau am 22. September 1994. Von da an gehörte der Donnerstagabend zehn Jahre lang unseren neuen Freunden. Wir haben gemeinsam geliebt und gelitten, uns gestritten und uns versöhnt, geweint und gelacht. Wenigstens von September bis Mai. Dazwischen mussten wir auf die Folgen der neuen Staffel warten und unsere Beziehung mit Erinnerungen und Wiederholungen pflegen. Vor allem aber haben wir in diesen Wartezeiten in einer Art Echoraum die Geschichte von «Friends» miterzählt. Haben sie im Gespräch unter Freunden vertieft und erweitert. Haben im Wechsel von Fasten und Festen den wahren Genuss entdeckt. Im Gespräch unter Freunden von «Friends» ist die Serie erst das geworden, was sie uns heute bedeutet.

Wenn wir heute im Streaming jeden Cliffhanger, also jedes offene Ende, unmittelbar auflösen können, weil wir sofort die nächste Folge schauen, dann löst sich der Echoraum in Nichts auf. In unserer Ungeduld gestalten wir die Geschichte nicht mehr mit, erweitern und vertiefen sie nicht, lassen dem Genuss keinen Platz. Im Binge Watching überlagern sich Serien so schnell, dass sie sich gar nicht mehr entfalten können. Und so geraten sie genauso schnell in Vergessenheit wie sie gehypt werden.

«Friends» dagegen ist siebzehn Jahre nach der letzten Folge nicht nur in unserer Erinnerung präsent, die Serie strotzt heute noch vor Vitalität. Selbst im Streaming gehört sie zu den meistgesehenen überhaupt. Deshalb bezahlen Anbieter wie Netflix um die 100 Millionen Dollar jährlich, nur um «Friends» zeigen zu können. «The Rachel» – eine Frisur, die Ende der 90er Jahre stilbildend war – ist 2021 von der Modezeitschrift «Vogue» wieder zum Trend erklärt worden. Und eine Generation, die bei der Erstausstrahlung noch gar nicht geboren war, wünscht sich die Komplettbox zum Geburtstag, trägt Fan-Shirts und liked «Friends»-Selfies.

Solche Fans sind bereit für die sanfte Tochter der Sucht: das «Comfort Binge». Sie schauen sich ihre Lieblingsserie immer und immer wieder an. Von vorne bis hinten. «Friends» ist für sie Seelen-Wellness. Gerne schauen sie mal auf einen Kaffee im Central Perk vorbei. Und schwelgen gemeinsam in Erinnerungen: An das Weihnachtsgürteltier – den Bad-Hair-Day – den «Smelly Cat»-Song – und natürlich an Gunther, den guten, alten Gunther… Und genau jetzt strahlen sie wissend, die «Friends»-Fans, denn nicht nur wenn es um «Friends» geht, lässt sich – beispielsweise auf Parties – ein interessantes Phänomen beobachten: Kaum entdecken Menschen ihre gemeinsame Begeisterung für eine Serie, entsteht selbst unter Wildfremden ein Wir-Gefühl. Und wer die Serie nicht kennt, versteht beim gerne ausufernden Insider-Talk nur noch Bahnhof. Er ist halt nicht Teil dieser unsichtbaren Community.

Derzeit kämpfen fünf grosse und unzählige kleinere Streaming-Portale um unsere Gunst. Aber während sie uns noch zum Binge Watching verführen, scheinen sie allmählich zu begreifen, dass der Exzess mit einem Filmriss enden wird. Immer häufiger müssen wir deshalb auch bei Netflix & Co. nach guter alter Sitte eine Woche lang auf die nächste Folge warten. Damit erhalten wir jene Sendepause zurück, in der sich eine Geschichte erst richtig entfalten kann. So – und nur so – werden Serien zum unvergesslichen Bestandteil unserer Biografie.

Thomas Binotto (erstmals publiziert in «bref» 7/2021)

P.S.

Die Fantasy-Serie «Game of Thrones», kurz «GoT», lief von2011 bis2019 und wurde vom Sender HBO im klassischen Wochenrhythmus veröffentlicht. Erst dadurch konnte der gigantischste Echoraum aller Zeiten entstehen. Die Journalistin Ulrike Klode hat ihn auf dem Medienfachportal dwdl.de so beschrieben: «Ich gucke am Montagabend die neue Folge, lese am Dienstagvormittag ein paar Recaps, erwarte am Dienstagnachmittag sehnsüchtig den ‹GoT›-Newsletter der ‹New York Times›, höre von Dienstag bis Donnerstag mehrere Podcasts dazu, lese Freitag bis Sonntag unterschiedliche Meta-Texte. Und meide am folgenden Montag tagsüber Twitter und Instagram, um der Spoilergefahr zu entgehen.»

Quelle des Zitats von Ulrike Klode: http://dwdl.de/sl/126c88

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