Im Spielhaus

Das Kino als Ort der Zuwendung

Wer mit Kindern ins Kino gehen möchte, der sieht sich einem schmalen Angebot gegenüber. Haben Familien im Kino nichts mehr verloren?

Meine erstes Kinoerlebnis, an das ich mich erinnern kann und das nach meinem Wissen auch ganz am Anfang meiner „Kino-Sozialisation“ stand, war eine Vorstellung von Chaplins „The Kid“. Mein Vater „entführte“ mich dafür nach Zürich und damit in die Welt des Kinos. Ich muss damals ungefähr sechs Jahre alt gewesen sein, gerade alt genug, um in Begleitung eines Erwachsenen die „heiligen Hallen der siebten Kunst“ betreten zu dürfen.

Ich nehme an, dass auf ähnliche Weise auch viele andere Kinder ins Kino eingeführt wurden und dass gerade Chaplins Filme für viele von ihnen zu filmischen Ur-Erlebnissen gerieten.

Mich jedenfalls hat die Erinnerung an diesen Tag bis heute begleitet, und erhält jetzt, da ich selbst einen sechsjährigen Jungen habe, erneut besondere Bedeutung, jetzt, da auch er allmählich zum Kinogänger wird?

Nur, können Kino und Kinder heute überhaupt noch zusammenkommen oder haben Fernsehen und Computergames die „Kids“ endgültig abgeworben? Wie also – und darum soll es hier gehen – wie finden Familien und Kinder heute den Weg ins Kino?

Kino ist Vielfalt

Auf den ersten Blick wird das Angebot vom Spartenkino dominiert. Filme wie jene von Charles Chaplin, Buster Keaton oder Laurel und Hardy, die jung und alt gleichermassen begeistern, sind heute eine Seltenheit. Erst recht, wenn man von einem Familienfilm erwartet, dass er – wie im Falle von Chaplin und Keaton – auf verschiedensten Ebenen „gesehen“ werden kann und dass er nicht nur belanglos unterhalten, sondern auch ernste Themen behandeln soll. Es liegt deshalb nahe, von der guten alten Kinozeit zu schwärmen, wo im Kino noch heile Welt herrschte und sich die ganze Familie heimisch fühlen durfte.

Bei näherem Hinsehen wird jedoch deutlich, dass sich so viel nun auch wieder nicht verändert hat. Früher wie heute war der grösste Teil der Filmproduktion explizit für Erwachsene bestimmt, und früher wie heute gab es ein vergleichsweise schmales Angebot von Filmen, die sich in besonderer Weise auch für Kinder eigneten. (Es mag zwar sein, dass hierzu auch die Lockerung der Zensurbestimmungen beigetragen haben, da nun vieles gezeigt werden darf, was früher nur angedeutet wurde. Aber die Darstellung von Gewalt und Sexualität sind längst nicht die einzigen Faktoren, welche darüber entscheiden, ob ein Film auch für Kinder geeignet ist.)

Der ideale Familienfilm, der wie gesagt, auf verschiedenen Ebenen funktioniert und daher Eltern wie Kinder anspricht, war und ist immer ein besonderer Glücksfall. Eine eigentlich Sparte „Kino-für-die-ganze-Familie“ gab es im Grunde nie und gibt es auch heute nicht. Zu diesen Glücksfällen gehören beispielsweise: „Un angel volo sobre Brooklyn“ (1957), „La guerre des boutons“ (1961), „Mary Poppins“ (1964), „Abel twói brat“ (1970), „Tschetan der Indianerjunge“ (1972), „Bröderna Lejonhjärta“ (1977), „E.T. – The Extraterrestrial“ (1982) oder „Ronja rövardotter“ (1984).

Auch wenn wir die jüngste Vergangenheit betrachten, gibt es erfreulicherweise immer wieder Beispiele von Filmen, die Kinder nicht überfordern und Erwachsene nicht langweilen: „The Secret Garden“ (1993), „Babe“ (1995), „The Indian in the Cupboard“ (1995), „Rennschwein Rudi Rüssel“ (1995) sind solche regelbestätigende Ausnahmend.

Wo allerdings tatsächlich eine Verengung des Angebots sichtbar wird, ist im Bereich des eigentlichen Kinderfilms. Hier sind es inzwischen ein paar wenige Produktionen, die alljährlich gross Kasse machen. Die Disney-Zeichentrickfilme sind damit inzwischen scheinbar zum Kinder- und Familienfilm schlechthin geworden. Ihnen gilt daher oft auch der einzige familiäre Kinobesuch des Jahres. (Und weil Disney nicht nur bei den Kleinen absahnen will, werden auch die Grossen bedient, sei es mit fadenscheiniger Light-Philosophie à la „The Lion King“ (1994) oder mit keimfreier Erotik à la „Pocahontas“ (1995). – Aber so etwas die Bezeichung „Familienkino“ verdient?)

Im Kinderkino dominieren heute noch stärker als anderswo die Blockbuster. Eine Vielfalt, wie sie beispielsweise die Märchenfilme aus der ehemaligen DDR und der CSSR jahrelang boten, ist nicht mehr erkennbar. Kleine aber unbedingt sehenswerte Filme wie „Flussfahrt mit Huhn“ (1984) erreichen im Kino all ihren Qualitäten zum Trotz nur ein sehr kleines Publikum. Das mag teilweise daran liegen, dass im Fernsehen das Bedürfnis nach Kinderfilmen weitgehend gestillt zu werden scheint. Viele Produktionen, die man gerne auch im Kino sähen, sind vom vorneherein für die Fernsehauswertung bestimmt und gelangen nur noch in seltenen Glücksfällen auf die Leinwand.

Aber auch in dieser Beziehung ist keine Untergangsstimmung angesagt. Dass auch heute das Kinderkino lebt, beweisen „kleine“ Erfolgsgeschichten wie jene der „Zauberlaterne“ eindrücklich. Dieser vor sechs Jahren in der Westschweiz entstandene Filmclub für Sechs- bis Elfjährige erfreut sich inzwischen auch in der Deutschschweiz grosser Beliebtheit und macht mit einem originellen Konzept von sich reden. Hier werden Kinder gezielt und unterhaltsam in die Welt des Kinos eingeführt. Dazu gehört unter anderem eine Clubzeitung, die allen Mitgliedern zehn Tage vor der Vorführung zugestellt wird. Und auch das Programm der „Zauberlaterne“ ist sehr vielfältig – jede Vorführung besteht aus drei Filmen: einem Stummfilm, einem Film aus den fünfziger Jahren und einem ganz neuen Werk. Ein Programm, das nicht nur „Lust auf Kino“ machen, sondern gleichzeitig auch für Filmgeschichte und -kunst sensibilisieren soll. Für zwanzig Franken im Jahr sind die jungen Kinofans bei neun Vorstellungen dabei.

Kino ist Anstrengung

Bei der „Zauberlaterne“ sind Eltern zwar von den Vorführungen ausgeschlossen. Dennoch stehen auch hier im Hintergrund immer Erwachsene, welche die nötigen Anstösse geben. Deshalb ist auch die folgende Frage von entscheidender Bedeutung: wie nämlich gehen Eltern mit dem Kino um?

Die Antwort auf diese Frage wird allerdings nicht darin bestehen, einmal mehr Kriterien aufzustellen, nach denen Filme als kindertauglich beurteilt werden können. Vielmehr soll kurz angedeutet werden, was das Kino für das Familienleben bedeuten und dass mit dem Kino ein intensives Mass an Zuwendung verbunden sein könnte.

Eine Zuwendung, die sich aus vielen Kleinigkeiten zusammensetzt und nichts Spektakuläres an sich hat, die aber insgesamt von den Eltern dennoch einigen Einsatz verlangt. Und genau das ist wohl einer der Gründe, weshalb das Fernsehen als eine äusserst verführerische Alternative erscheint.

Wer seine Kinder stilllegen will, wer elektronische Babysitter und Geschichtenerzähler sucht, der wird beim Fernsehen viel günstiger und weniger aufwendig bedient – Knopfdruck genügt. Und schliesslich, werden nicht alle guten Filme irgendwann auch auf Video erhältlich sein? Weshalb also noch den beschwerlichen Weg ins Kino antreten? Unter solcher Bequemlichkeit leidet das Kinderkino weit mehr, als unter dem Desinteresse der Kinder.

Zu den Details, die schliesslich wahre Kinoerlebnisse ermöglichen, gehört beispielsweise die Anstrengung, sich über das Angebot zu informieren. Dazu gehört auch die Diskussion mit den Kindern, um schliesslich gemeinsam eine Wahl zu treffen. Bei allfälligen Unsicherheiten kann sogar ein vorheriger Besuch des Films nötig werden, um wirklich abschätzen zu können, was man seinen Kindern zumutet. Schliesslich leistet man dem Kind beim Kinobesuch Gesellschaft – inklusive auf der gemeinsamen Hin- und Rückfahrt. Und nicht zuletzt kann auch das anschliessende Gespräch zu einem nachhaltigen Erlebnis beitragen.

So gesehen hat der Kinobesuch für alle Beteiligten auch eine erzieherische Wirkung: er verlangt ein bewusstes und gezieltes Auswählen; fordert dazu auf, die Konsequenzen einer Entscheidung zu tragen und bei der gewählten Sache zu bleiben. Und schliesslich wird gerade im Kino die Erfahrung möglich, dass der Film in aussergewöhnlichem Mass dazu beitragen kann, Gemeinschaft zu stiften.

Zugegeben, das alles sind Dinge, die im Prinzip auch bei einem gezielten Fernsehgebrauch eine Rolle spielen. Aber zielloses Einschalten, ruheloses „Gezappele“ und träge Vereinzelung fallen hier leicht – allzu leicht.

Ja, der Familienbesuch im Kino ist – ernsthaft vorbereitet – aufwendig. Er fordert die Eltern nicht nur zeitlich, sondern auch als Erzieher heraus. Er verlangt ein Verantwortungsbewusstsein und ein Selbständigkeit, die einem keine Stelle abnehmen kann – schon gar nicht die staatlichen Filmprüfungsgremien.

In diesem Zusammenhang einige Hinweise betreffs Altersfreigaben: Diese richten sich nach dem Filmgesetz des jeweiligen Kantons und damit nach juristischen Gesichtspunkten. Es muss deshalb immer wieder betont werden, dass Altersfreigaben nicht pädagogischen Massgaben folgen. Wenn ein Film also ab sechs Jahren freigegeben wird, heisst das keineswegs, dass er auch für dieses Alter empfohlen wird. Der Staat signalisiert damit lediglich, dass ein Kind ab diesem Alter keinen Schaden nehmen sollte. Altersfreigaben sind demnach zwar durchaus eine Angabe über die Verdaulichkeit eines Filmes, sagen aber nichts über seinen Nährwert aus. (Das ist einer der Gründe, weshalb Zeitschriften wie „Zoom“ oder „filmdienst“ nach wie vor auch eine „pädagogische“ Altersempfehlung abgeben.)

Kino ist Magie

Schliesslich darf nicht vergessen werden, dass Kinder im Grunde die geborenen Kinogänger sind. Sie spüren die besondere Ambiance des Kinos : den festlichen Raum, die weichen Sitze, die allmähliche Verdunkelung und das Öffnen eines geheimnisvollen Fensters vor ihren Augen. Das alles sind Rituale, die Kinder unmittelbar ansprechen, und die kein noch so grosser Fernseher ersetzen kann. Sie tragen wesentlich dazu bei, dass sich Kinder ohne intellektualistisches Zaudern der Magie des Kinos hingeben.

Das Kino könnte – und dank dem Erfolg der „Zauberlaterne“ gibt es dafür mutmachende Anzeichen – das Kino könnte zu einer attraktiven Alternative im Medienmix werden. Ein Gegenentwurf zur „MacDonaldisierung“ und zur Vereinzelung. Eine Entgegnung auf den Wahn auch, dass immer mehr und immer schneller auch immer besser und interessanter sei.

Gerade für Kinder und Eltern kann das Kino eine Form der Zuwendung sein, die sich der Rationalisierung entzieht – Kino als Unterhaltung im eigentlichen und tiefen Sinne.

Als Sechsjähriger hinterliess bei mir nicht nur „The Kid“ einen unauslöschlichen Eindruck. Ebenso eindrücklich erinnere ich mich daran, wie mein Vater mit mir nach Zürich fuhr, mit mir seine eigene Leidenschaft teilte, und wie damit unsere abenteuerliche Reise in eine faszinierende Welt ihren Anfang nahm.

Thomas Binotto in «ZOOM» 12/1996

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