Luc Besson (*1959)

UNWIDERSTEHLICH UNTERHALTSAM

Mit seinem Erstling gab Luc Besson den Tarif durch: Science-Fiction, Action, wortkarge Helden, exquisite Bilder, Cinemascope – «Le dernier combat», den er 1983 mit 24 Jahren gedreht hat, ist eine Fingerübung, die dennoch den Ausblick auf das ganze Programm «Besson» bietet.

Bessons zweiter Film «Subway» war bereits Erfolgs- und Kultfilm zugleich. Und als er mit 29 Jahren den Kassenschlager «Le Grand bleu» lancierte, wurde Besson prompt das Etikett «Spielberg» umgehängt. Er war der Wunderknabe Gaumonts, der ältesten noch tätigen Filmproduktionsfirma der Welt, dem es gelang, mit einem überlangen Taucherepos die Massen ins Kino zu bewegen. Alleine in Frankreich wollten an die zehn Millionen den ewigen Wettkampf zwischen Jacques und Enzo sehen. Mehr als ein Jahr lang lief der Film in den Kinos.

«Le Grand bleu» ist in vielfacher Hinsicht ein Schlüsselfilm in Bessons Werk. Damit wurde er zum Giganten in Frankreichs Kinolandschaft, der heute als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent das Land mit Kassenschlagern versorgt. Damit stürzte er sich in den Wettstreit mit den übermächtigen Amerikanern – «Le Grand Bleu» wurde ursprünglich auf englisch gedreht. Und damit begann Bessons sorgsam behütete Dauerfehde mit der Filmkritik.

Tatsächlich bietet «Le grand bleu» alles, wofür die Kritik Besson verachtet: wunderschöne Bilder um ihrer selbst willen; geschwätzige Dialoge; schludrige Figurenzeichnung; triefendes Pathos; offensichtliche Selbstverliebtheit. Das alles hätten ihm die Kritiker vielleicht verziehen, wenn ihnen Besson nicht das Schlimmste überhaupt angetan hätte: Es gelang ihnen nicht, sich der schieren Unterhaltungskunst Bessons zu entziehen. Besson entreisst dem Kritiker seine Rolle und setzt ihn dorthin, wo er nach Bessons Meinung hingehört: Mitten ins Publikum. Dorthin, wo es nur das eine Kriterium gibt: Ist dieser Film nun unterhaltsam oder nicht?

Das grosse Staunen über Bessons Erfolg war allerdings auch einem Missverständnis geschuldet: Im Laufe der 80er Jahre hatte sich offenbar die Vorstellung durchgesetzt, dass aus Frankreich nur Arthaus-Kino kommen dürfe. Feingliedrige Kinokunst für Intellektuelle und Bildungsbürger. Vergessen war, dass auch Louis de Funès, Pierre Richard, Gérard Philippe und Jean Marais französisches Kino waren, dass dazu auch «Angélique» und «Fantomas» gehörten. Ausserhalb Frankreichs war das französische Kino in den Augen seiner elitären Fans zur Sparte geschrumpft. Besson steht deshalb auf eigenwillige Weise für dessen Grösse, für ein französisches Kino, das alles abdeckt, was Kino kann, also auch Spektakel, Jahrmarkt, Schaulust, Feuerwerk.

Dennoch wird in zwanzig Jahren wohl ein amerikanischer «Truffaut» den ausschliesslich unterhaltsamen Franzosen Besson als Auteur entdecken und feiern. In «Mr. Besson, wie haben Sie das gemacht?» wird nachzulesen sein, wie der französische «Spielberg» obsessiv das Porträt des Einzelgängers gezeichnet hat, der sich verloren im Transit bewegt. Bessons Helden stecken stets in einer unwirtlichen Ausweglosigkeit fest. Sei das nun in der Metro, im Meer, in der trostlosen Existenz des Killers, in einem versifften Containerzimmer, zwischen Himmel und Scheiterhaufen, Himmel und Seine, in einem Zeugenschutzprogramm oder im Hausarrest. Wirklich erstaunlich daran ist jedoch, dass Bessons Einzelgänger im Grunde gar nicht ausbrechen wollen, weil sie gerade durch ihre Einsamkeit umso kompromissloser den eigenen Weg gehen können. Dass sie meist wortkarg und waffenvernarrt sind, dient somit als Mittel zum Zweck, mit dem man sich die Menschen vom Leib halten kann. Die Liebe, ja die gibt es auch für sie, aber sie ist und bleibt eine romantische Sehnsucht, ein Antrieb aber kein Zustand. Selbst wenn einer mal seinen Engel vom Himmel holt wie in «Le Cinquième Elément» oder «Angel-A», mag niemand daran glauben, dass dies von Dauer sein wird.

Vor diesem Hintergrund fällt erst recht auf, dass Besson in keinem seiner Filme eine Beziehung als echte Partnerschaft inszeniert. Es bleibt immer Gefälle, Distanz, Fremdheit. Und so wird auch sein Ruf, starke Frauenfiguren zu inszenieren, bei näherer Betrachtung brüchig. Die Stärke seiner Frauenfiguren beschränkt sich meist auf ihre physische Präsenz. Sie dürfen bei Besson genauso heftig Prügel einstecken und austeilen wie die Männer, dürfen wild um sich schiessen, dürfen wortkarg und einsam sein. Aber selbst eine scheinbar so starke Frauenfigur wie «Nikita» schmiegt sich letztlich doch schutz- und trostsuchend an den einen liebevollen Mann.

Bessons Idealverkörperung des einsamen Wolfes – «Les Films de Loups», so hiess mal seine Produktionsfirma – das ist ohne jeden Zweifel Jean Reno. Er war bereits in Bessons erstem Langfilm dabei, darauf in «Subway», «Le Grand bleu», «Nikita» und «Léon». Und mit «Léon» fand nicht nur Jean Reno die Rolle seines Lebens, es wurde auch für Besson zu seinem bisher stimmigsten Werk, das für einmal sowohl Publikum wie Kritiker zufrieden stellen konnte. Nie hat Besson die Gestalt des Aussenseiters so konsequent durchgestaltet. Für einmal bleibt nicht nur der Hauptdarsteller wortkarg – auch Besson kann das Plappern einstellen, das ihm sonst immer wieder in die Quere kommt. Die weibliche Hauptfigur Mathilda, mit der zwölfjährigen Natalie Portmann grandios besetzt, ist die stärkste Frauenfigur in Bessons bisherigem Werk. «Léon» ist jener Film, in dem sich lupenrein zeigt, wozu Besson fähig ist, wenn er darauf verzichtet, sich in seinen schwachen Disziplinen Dialog und Figurenzeichnung zu üben.

Seither hat sich Besson jedoch endgültig in der Spielberg-Ecke niedergelassen. Den Startschuss gab das überaus teure und überaus erfolgreiche Sci-Fi-Potpourri «Le Cinquième Elément». Es vermittelt den Eindruck, als wolle sich Bessons Geschwätzigkeit nun erst recht austoben: Knallbunt und knallvergnüglich. Seither versorgt Besson Frankreich und Europa mit sogenanntem Mainstream-Kino, das er nur in den seltensten Fällen selbst inszeniert. Wo «Besson» drauf steht, ist oft lediglich eines Idee von Besson drin, manchmal ein Szenario und häufig auch nur das Geld. In einer Hinsicht allerdings zeigt sich die Handschrift des Patrons immer: Wo Besson drauf steht, muss Unterhaltung drin sein.

Diesem Credo traut leider nicht einmal Besson selbst immer und überall. Deshalb gibt er manchmal Interviews, in denen er sich mit den verhassten Kritikern anlegt und sich wortreich verteidigt. Dann will er uns weismachen, eine knallvergnügliche Wundertüte wie «Les Aventure Extraordinaires d’Adèle Blanc-Sec» sei seine Reaktion auf die Weltlage. Oder er dreht mit «The Lady» eine Geschichtslektion für Erwachsene. Oder er versucht sich an einer melancholischen Liebesgeschichte zwischen einem Engel und einem Kleingauner, die trotz wunderbarer Schwarzweiss-Aufnahmen von Paris vor allem durch ihr belangloses Dialoggewitter auffällt. Oder er droht mit dem Rückzug aus dem Filmgeschäft, um sich wirklich wichtigen Dingen zu widmen.

Dann möchte man am liebsten therapeutisch auf Besson einwirken und ihn wieder mitten in sein Publikum setzen. Am besten in eine so hirnrissig vergnügliche Farce wie «The Family». Regie: Luc Besson. Fazit: Unterhaltsam!

© THOMAS BINOTTO

PUBLIZIERT IN DER PROGRAMMZEITSCHRIFT KINO XENIX ZÜRICH 2/2015

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