Grösstenteils tot, ist schon fast lebendig

James Bond, der Übervater aller Action-Helden, übersteht jede auch noch so lebensbedrohende Situation – meist ohne die geringste Schramme. Aus diesem unverwüstlichen Stoff sind die Helden des Action-Kinos gemacht – die nimmermüden Stehaufmännchen unserer Tage.

„Opa, Opa, Moment, warte! Was hat Fezzik gemeint mit ‚er ist tot‘. Ich meine, er hat doch nicht gemeint ‚tot‘. Westley tut doch nur so, oder?“

Die Ungläubigkeit des Enkels in „The Princess Bride“ (1987) ist nicht nur jene des naiven Kindes. Dass der grosse Held Westley nach all den bereits überstandenen Gefahren schliesslich doch vom Feind getötet wird, dass wollen auch wir erwachsene Zuschauer nicht glauben.

Was Autor William Goldmann und Regisseur Rob Reiner in ihrer hinreissenden Märchenparodie satirisch überspitzt formulieren, ist ein Hauptmotiv jahrhundertealter Erzähltradition: Je grösser der Held, desto unsterblicher.

Das gilt für die griechische und römische Mythologie genauso, wie für die mittelalterlichen Heldenepen und Heiligenlegenden und die gesamte Märchenliteratur.

In der Tafelrunde von König Artus, um ein wirkungsmächtiges Beispiel zu nennen, ist das Streben nach Unsterblichkeit ein zentrales Thema. Und Parzival, Mitglied eben dieser Tafelrunde, ist die vielleicht vollkommenste Verkörperung des strahlenden Helden. Sein Lebensweg führt ihn, allen Umwegen zum Trotz, schliesslich zum Heiligen Gral – für Unsterblichkeit das Symbol schlechthin. Seine „aventüre“ ist damit mehr als blosses Abenteuer, ist Zeichen für die fundamentale Suche nach dem Lebenssinn. Ein Weg, der immer wieder von Wundern bestimmt wird und an dessen Ende das Urwunder schlechthin, das ewige Leben, steht.

Auferweckungswunder sind in mittelalterlichen Erzählungen immer auch ein Zeichen für Heldentum und Auserwähltheit. Das gilt für den Gralskönig Amfortas, der dank Parzival von seinen unterträglichen Qualen erlöst wird, für die Siebenschläfer, die der Legende nach aus einem fast zweihundertjährigen Schlaf unversehrt erwachen, aber auch für Felix und Regula, die nach ihrer Enthauptung mit dem Kopf unter dem Arm noch einige hundert Meter weit gehen.

Das Wunder der Unsterblichkeit findet sich aber nicht nur in alten Legenden und Sagen – wo es ja niemanden überrascht – es gehört ebenso zum festen Repertoire der Heldenverehrung im Action-Kino.

Wenn schon vom Gral die Rede war, dann fällt naheliegenderweise das dritte Indiana-Jones Abenteuer, „Indiana Jones and the Last Crusade“ (1988), ein. Dort stehen die Abenteuerer am Ende ihrer Jagd dem letzten Gralsritter gegenüber, und dieser hat wunderbarerweise mehrer Jahrhunderte überlebt.

Aber auch in jüngster Vergangenheit geschehen in mittelalterlich angehauchten Abenteuerfilmen Erweckungswunder.

Überdeutlich ist dies in „Dragonheart“ (1996), einem sonst belanglosen Fantasy-Spektakel, der Fall: der tödlich verwundete Prinz wird dank dem halben Herzen eines Drachens gerettet. Eine Szene, die sich in der Bildgestaltung offensichtlich an alten Pietà-Darstellungen orientiert. Als sich der Prinz im Verlaufe der Erzählung dann doch als übler Bursche entpuppt, kommt das finale Auferstehungswunder dem eigentlichen Helden der Geschichte, einem Drachen, zu. Er opfert sein irdisches Leben und erhält dafür im Gegenzug Unsterblichkeit.

In einer süsslichen, fast schon nazarenischen Verklärungsszene, steigt seine Seele zum Himmel auf, wo sie als leuchtender Stern verewigt wird – eine ungenierte Plünderung christlicher Ikonographie von Grablegung, Auferstehung bis zur Himmelfahrt.

Und auch im bereits zitierten „The Princess Bride“ geschieht schliesslich das so sehnlichst erhoffte Erweckungswunder. Allerdings wird es, da es sich ja um eine Parodie handelt, ironisch gebrochen. Was jedoch das Motiv des unsterblichen Helden erst recht herausstreicht. Wundermaxe, der das Unglaubliche möglich machen soll, klärt über die subtilen Grade des Tot-seins auf: „Es verhält sich nämlich so, dass euer Freund hier nur zum grössten Teil tot ist. Es besteht ein grosser Unterschied zwischen zum grössten Teil tot und ganz tot. Zum grössten Teil tot ist schon beinahe lebendig.“

Mit dieser „differenzierten“ Sicht machen sich Reiner/Goldmann nicht nur über die Märchen sondern auch über die gängigen Abenteuer- und Action-Filme lustig. Denn die Action-Helden des Kinos sind allen drohenden Gefahren zum Trotz höchstens zum grössten Teil totzukriegen.

Nur, gerade dieses ungeschriebene Gesetz führt das Spannungskino seit jeher in ein Dilemma: Wenn der Held per definitionem unsterblich ist, wo bleibt da die Spannung?

Schon Alfred Hitchcock hat sich darüber geärgert, dass der Star eines Films nicht vorzeitig abtreten darf. Ist es in „North by Northwest“ (1959) noch ein fingiertes Attentat auf Cary Grant, mit dem er den Zuschauer schockt, so geht Hitchcock in „Psycho“ (1960) einen Schritt weiter und opfert seinen Star Janet Leigh bereits nach einem Drittel des Films. – Von nun an muss der Zuschauer damit rechnen, dass es jeden treffen kann.

Dieses Unterlaufen der Zuschauererwartungen haben in jüngster Zeit die Macher von „Executive Decision“ (1995) nachgeahmt. Auch dort verschwindet der nach Papierform unverletzliche Steven Seagal bereits nach kurzer Zeit von der Leinwand. Und Wes Craven lässt Drew Barrymore, das Aushängeschild seines jüngsten Schockers „Scream“ (1997), bereits nach acht Minuten massakrieren.

Dennoch, diese Beispiele sind Ausnahmen. Im Regelfall sind Action-Helden unsterblich. So wie der zählebigste aller Über-Helden, James Bond.

Aber gerade bei James Bond wird ebenfalls offensichtlich, wie langweilig unverletzliche, eindimensionale Helden auf Dauer sein können.

Einen Weg aus diesem Dilemma sieht der durchschnittliche Action-Film darin, seine Helden in noch extremere Situationen zu befördern und die zu bekämpfende Bedrohung immer noch bombastischer auszumalen. An der Unsterblichkeit des Helden wird damit jedoch in keiner Art und Weise gerüttelt – die Auferweckungswunder werden nur dementsprechend spektakulärer.

So wird der Kugelhagel immer dichter – trifft aber genau so wenig wie eh und je.

Die Feuerwalze ist inzwischen fester Bestandteil des Action-Kinos geworden („True Lies“ (1993), „The Rock“ (1996), „The Long Kiss Goodnight“ (1996)) – die Helden gehen daraus genauso unversehrt hervor, wie die hebräischen Jünglinge aus dem Feuerofen Nebukadnezars.

Auch die Urgewalt des Wassers kann solche Helden nur vorübergehend aus dem Gleichgewicht bringen. Ob ein Sprung von der Staumauer („The Fugitive“, 1993), die wilde Fahrt durch einen unterirdischen Fluss („Broken Arrow“, 1995) oder der gleich mehrfach erzwungene Sprung in tödlich kaltes Wasser („The Long Kiss Goodnight“, 1996), immer gelingt es den Helden mit einem tiefen Atemzug – eigentliches Sinnbild der Wiedergeburt – ins Leben zurückzukehren.

Und während vor wenigen Jahren das Blut der Helden nur spärlich floss, so verlieren sie heute ihren kostbaren Lebenssaft gleich literweise, ohne dadurch auch nur das geringste ihrer Potenz einzubüssen.

Diese ins gigantische gesteigerten und oftmals ins Lächerliche überkippenden Erweckungswunder haben zunächst wie angedeutet einen erzähltechnischen Hintergrund. Sie sollen Nervenkitzel garantieren und dem Zuschauer mit aller Macht suggerieren, dass der Held tatsächlich bedroht sei.

Zusätzlich schwingt hier aber genau wie in den alten Legenden der Glaube daran mit, dass Unsterblichkeit auch ein Zeichen für Auserwähltheit und Reinheit sei.

Wenn Harrison Ford in „The Fugitive“ (1993) von der Staumauer springt und den nach menschlichem Ermessen tödlichen Sprung überlebt, dann sind für den Zuschauer – und auch für seinen Gegenspieler Tommy Lee Jones – die letzten Zweifel ausgeräumt: dieser Mann ist unschuldig, ein wahrer Held.

Wenn eine Atombombe derart folgenlos detoniert wie in „True Lies“ (1993), dann deshalb, weil Arnold Schwarzenegger eine Erlösergestalt ist, die selbst tödlichen Fall-Out von uns fernhalten kann.

Sogar dann, wenn ein Held ausnahmsweise geopfert wird, bleiben für das sequel-sichernde Auferweckungswunder immer noch genügend Möglichkeiten, wie „Alien 4“ demnächst beweisen wird.

Dennoch, allen kraftmeierischen und spektakulärem Erweckungswundern zum Trotz macht sich im Action-Kino zusehends lärmende Leere breit. Langsam aber sicher geht auch die letzte „Restspannung“ flöten, hat doch inzwischen jeder noch so naive Zuschauer begriffen, dass die neuen Helden nur gewalttätiger aber nicht weniger unsterblich als die alten sind. Sie unterscheiden sich lediglich darin, dass sie „Parzival auf Schienen“ verkörpern – Helden in voller Fahrt aber ohne die geringste Entgleisungsgefahr. Und man denkt wehmütig an den schmalbrüstigen Parzival und dessen Leben-sinn-aventüre voll subtiler Spannung zurück.

Das haben inzwischen auch die Autoren von Action-Filmen gemerkt und begonnen, nach Auswegen aus dieser Einbahnstrasse zu suchen. Beispielsweise dadurch, dass die Helden zwar nach wie vor unsterblich aber auch unvollkommen sind. Damit wieder jene elementare Spannung gewonnen werde, die dadurch entsteht, dass man unvollkommenen Helden eher ein Scheitern zutraut.

Zwei solche, wenngleich eher misslungene Versuche, vielschichtige Action-Helden aufzubauen, sind „Ransom“ (1997) oder „The Long Kiss Goodnight“. Mel Gibson und Geena Davis verkörpern Helden, die nicht mehr als makellose Erlösergestalten erscheinen.

Auf faszinierende und raffinierte Weise ist es John Woo gelungen, das Klischee vom reinen und unsterblichen Helden zu durchbrechen. In „Face/Off“ (1997) geschehen zwar ebenfalls und gleich reihenweise Erweckungswunder: beide Hauptfiguren erwachen je einmal aus dem Koma, die Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis wird als Auferstehung zum Licht inszeniert, es gibt ebenso eine Wiedergeburt aus dem Wasser wie den Sprung durch die Feuerwalze. Und die Schlussszene wird gar überdeutlich als Auferstehungwunder inszeniert: das Gesicht des Helden taucht unversehrt aus dem gleissenden Licht auf.

Dennoch gelingt John Woo, wie in „The Killer“ (1989), neben der atemberaubenden Materialschlacht ein fast poetisches Kammerspiel. Dadurch nämlich, dass Held und Bösewicht Gesicht und Rolle vertauschen, wird der Zuschauer aus seiner Fixierung auf den Helden gerissen. Woo geht sogar soweit, auch dem Bösewicht ein Auferstehungswunder zu gönnen: Sein Kind wird dem Helden gewissermassen als Kuckucksei ins Familiennest gelegt. Damit geschieht in zweifacher Hinsicht eine Wiedererweckung, denn einerseits wird das zu Beginn getötete Kind des Helden „ersetzt“ – andererseits bleibt der bezwungene Feind gegenwärtig und damit das wiederhergestellte Glück ambivalent. Eine raffinierte Relativierung des herkömmlichen Schemas von Gut und Böse – auch mit Hilfe origineller Erweckungswunder.

Nur, auch für John Woos Helden bedeuten Wunder lediglich die Möglichkeit, ihr gewalttätiges Werk für die gute Sache zum blutigen Ende zu führen. Als Zeichen, als Wink des Schicksals, werden sie nicht verstanden.

Auf überraschende Weise anders verhält es sich dagegen in „Pulp Fiction“ (1993). Auch dort geschieht das Wunderbare, gehen Kugeln durch die beiden Killer Vincent und Jules hindurch ohne den geringsten Schaden anzurichten. Während jedoch Jules dieses Wunder als Zeichen auffasst und aus dem Gewerbe aussteigt, sieht Vincent dafür keinerlei Veranlassung – und geht schliesslich drauf.

Jules: „Mann, sieh dir diesen riesen Ballermann an – ne Monsterkanone. Wir sollten mausetot sein, Mann.“ – Vincent: „Ich weiss, wir hatten Glück.“ – „Nein, nein, das hat mit Glück nichts zu tun.“ – „Na, vielleicht.“ – „Das war göttliche Vorsehung. Weisst du, was göttliche Vorsehung ist?“ – „Ich glaube schon: Gott persönlich ist aus dem Himmel herabgestiegen und hat die Kugeln aufgehalten.“ – „Das ist richtig, das ist genau das, was es bedeutet: Gott persönlich ist aus dem Himmel herabgestiegen und hat die Kugeln aufgehalten.“ – „Ich denke, wir sollten langsam gehen Jules.“

„Tu das nicht, puste den Mistkerl nicht weg. Was hier gerade passiert ist, war ein verdammtes Wunder.“ – „Krieg dich wieder ein Jules, so was passiert.“ – „Falsch, falsch, so was passiert nicht einfach!“ – „Möchtest du diese theologische Diskussion im Wagen fortsetzen oder im Gefängnis mit den Bullen?“ – „Wir sollten verdammt noch mal tot sein, mein Freund. Was hier geschehen ist, ist ein Wunder, und ich verlange, dass du’s anerkennst.“ – „Ja, in Ordnung, es war ein Wunder, können wir jetzt gehn…“

Thomas Binotto  in «ZOOM» 10/1997

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