«Festen» von Thomas Vinterberg

Irgendwo in Dänemark: Der Familienpatriarch Helge Klingenfeldt feiert den sechzigsten Geburtstag in seinem gediegenen Landhotel, umgeben von Freunden, Verwandten und seiner Familie. Bei dieser Gelegenheit soll der älteste Sohn Christian eine Rede halten, was er auch tut. Er eröffnet der Festgemeinde, dass der Vater ihn und seine Zwillingsschwester als Kinder sexuell missbraucht und dass sich seine Schwester als Spätfolge dieser Vergewaltigungen das Leben genommen hat. Eine Nacht der Enthüllungen beginnt…

So könnte man <Festen> von Thomas Vinterberg kurz zusammenfassen und nichts würde darauf hinweisen, dass sich dahinter mehr als ein durchschnittliches Familiendrama verbirgt. Genau das aber ist der Fall. Denn nur schon formal entfernt sich Vinterberg weit vom Gängigen, was zweifellos auch damit zusammenhängt, dass <Festen> der erste nach den Grundsätzen von <Dogma 95> entstandene Film ist (siehe Artikel in dieser Nummer).

Fast ausschliesslich mit einer Handkamera gedreht – einer ebenso wacklig wie virtuos geführten – verstösst der Film gegen vertraute Sehgewohnheiten, zwingt dadurch zu äusserster Konzentration und erreicht ein hohes Mass an Intensität und Glaubwürdigkeit. Das mag für den Zuschauer anstrengend sein – ein angestrengter Film ist <Festen> aber in keiner Phase. Zu verdanken ist das einerseits dem 29jährigen Regisseur, der diesen ebenso aggressiven wie lethargischen Reigen brillant inszeniert, aber auch dem Drehbuch, dass äusserst genau und pointiert ist und so die <Entfesselung> der Kamera erst zulässt und erträglich macht.

<Festen> ist zwar eine Kampfansage an den Mainstream, aber ohne den Manierismus eines abgehobenen Kunstkinos, sondern voll unmittelbarer und vitaler Eindringlichkeit.

Nicht nur formal, auch inhaltlich erreicht <Festen> neue Dimensionen. Wer nämlich erwartet, mit der schrecklichen Enthüllung Christians gerate alles aus den Fugen – wie das normalerweise bei ähnlich gelagerten Filmen der Fall ist – wer solches erwartet, sieht sich enttäuscht. Die Festgemeinde ist zwar verblüfft bis indigniert, das Wichtigste aber bleibt unbestritten: dass das Fest seinen feierlichen Lauf nehmen soll. Und so feiern alle weiter, wie wenn nichts gewesen wäre. Selbst als Christian einen weiteren Anlauf nimmt und seine Mutter der Komplizenschaft beschuldigt, vermag das die Festgemeinschaft noch nicht aus der Bahn zu werfen.

<Festen> ist so ein eindrückliches Zeugnis dafür, wie schwierig es ist, zu schockieren und wie stark Verdrängung sein kann. Sogar Christian selbst kann das Unglaubliche nur ironisch gebrochen aussprechen: das Verbrechen des Vaters kleidet er in die scheinbar harmlose Form einer Anekdote und der Mutter <dankt> er für all das, was sie zum Schutz ihrer Kinder unterlassen hat. Seine Toasts sind bittere Parodien auf jene Tischreden, die fast unausweichlich zu Familienfesten gehören.

Und wieder erhält die unruhige Kameraführung, die quasi-dokumentarische Direktheit ihre Berechtigung, weil sie in ihrer Vitalität wie ein Gegengift wirkt. Auf faszinierende Weise gelingt es Vinterberg, dem inhaltlichen Hauptthema <Verdrängung> ein formales Mittel entgegenzusetzen, die befreite Kamera. Er schreckt damit nicht nur seine Hauptfiguren auf, sondern macht es auch dem Zuschauer unmöglich, das ablaufende Drama behaglich in den Sitz gelehnt zu geniessen.

Ebenso gekonnt und konsequent nutzt Vinterberg den Verzicht auf künstliche Beleuchtung. Was zunächst lediglich als Erfüllung einer Dogma-Regel erscheint, ist in Wirklichkeit ein überaus subtiles Gestaltungsmittel. Durch das Einbrechen der Nacht wird das Licht im Film naturgemäss immer diffuser, die Aufnahmen immer grobkörniger, gleichzeitig aber treten Verlogenheit und Schuldverstrickung immer stärker hervor. Dadurch ergibt sich abermals eine spannende und in sich stimmige Gegenbewegung.

In <Festen> vereinen sich Form und Inhalt in so selten gesehener Meisterschaft, dass der von <Dogma 95> geforderte Neuanfang tatsächlich spürbar wird – nicht steriles Thesenkino sondern vor Vitalität strotzendes <cinéma pur>.

ZOOM 2/1999

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