Barbara Stanwyck (1907-1990)

Die aufrichtige Opportunistin

Sie braucht ihn wie «die Axt den Truthahn» und verrät dem willigen Schlachtopfer: «Siehst du, Hopsi, du weisst nicht viel über Mädchen. Die besten sind nicht so gut, wie du denkst, und die schlechten nicht so schlecht.» Zur Stanwyck blicken die Männer auf. Ihr besitzergreifender Gang, ihr spöttisches Lächeln, der amüsierte Blick von oben herab, die Augenbrauen – alles ist hinreissend und einschüchternd. Selbstverständlich nennt sie einen wie Henry Fonda in «The Lady Eve» «Hopsi». Selbst «die Giraffe» Gary Cooper überragt sie in «Ball of Fire» locker. Jahrelang hatte sie hart daran gearbeitet, dass aus einer gerade einmal um die 165 Zentimeter grossen Frau ein Star «bigger than life» wurde.

Perfektionistin

Ruby Katherine Stevens, so der richtige Name dieses göttlichen Wesens, wurde am 16. Juli 1907 als jüngstes von fünf Kindern in Brooklyn geboren und wuchs unter nicht gerade himmlischen Umständen auf. Die Mutter starb, als sie vier Jahre alt war, der Vater verdrückte sich zwei Wochen danach auf Nimmerwiedersehen an den Panamakanal. Als Teenager wollte sie ins Showbusiness, mit fünfzehn war sie Chorus-Girl in den Ziegfeld Follies, mit neunzehn nannte sie sich Barbara Stanwyck – und 1930 wurde mit «Ladies of Leisure» ein Star geboren.

Als Geburtshelfer assistierte Frank Capra. Er drehte drei Filme nacheinander mit der Stanwyck, verliebte sich in sie und entdeckte eines ihrer Geheimnisse: Sie war beim ersten Durchlauf immer am besten, ob das nun während der Probe oder bei der Aufnahme war. Deshalb liess Capra sie kaum proben, und wenn es ernst wurde, liefen mehrere Kameras aus verschiedenen Blickwinkeln mit.

Schnell erarbeitete sie sich durch ihre Perfektion und Professionalität einen exzellenten Ruf. Sie konnte den Text immer, versprach sich nie, wusste genau, was von ihr erwartet wurde und was sie selbst geben wollte. Vielleicht hat sie deshalb am erfolgreichsten mit jenen Regisseuren zusammengearbeitet, die ebenfalls als robuste Professionelle galten. Selbst das Lästermaul Billy Wilder liess sich dazu hinreissen, sie als die beste Schauspielerin zu loben, mit der er je zusammengearbeitet habe. Er lernte sie 1941 kennen. In diesem Jahr drehte sie mit Howard Hawks «Ball of Fire», mit Frank Capra «Meet John Doe» und mit Preston Sturges «The Lady Eve» – ein Jahrgang, der den Schrumpfprozess des Mannes zügig vorantrieb und die Bewunderung der Cineasten ins schier Unermessliche anschwellen liess. Und dann schrieb Wilder für sie eine Rolle, die alles auf den Kopf stellen sollte: Im Prototyp des film noir verführt eine eiskalte Blondine ihren Liebhaber dazu, ihren Ehemann zu ermorden. Als Wilder ihr diese Rolle anbot, zögerte Stanwyck, weil sie befürchtete, damit ihr Image als Leinwandheldin nachhaltig zu beschädigen. «Sind Sie eine Maus oder eine Schauspielerin?», wurde sie daraufhin von Wilder herausgefordert. «Ich hoffe, eine Schauspielerin.» – «Dann spielen Sie die Rolle!» Stanwyck tat es und wurde endgültig zum universell einsetzbaren «Schweizer Armeetaschenmesser des Films», wie sie Anthony Lane jüngst im «New Yorker» liebevoll sperrig nannte.

Westernheldin

Die Befürchtungen Stanwycks sollten sich nicht bestätigen. Sie blieb die vollkommen aufrichtige Opportunistin, die sie schon immer gewesen war. In der Komödie «Christmas in Connecticut» von 1945 gibt sie als Kolumnistin die perfekte Hausfrau, obwohl sie weder von Heim noch Herd eine Ahnung hat. Als sie einen Kriegsheimkehrer publicityträchtig bekochen soll, gerät das Betty-Bossi-Arrangement ins Wanken. Einmal mehr zeigt sich, wie sehr die Attraktivität Stanwycks in ihrer Ambivalenz liegt: Sie ist zynisch und warmherzig zugleich, berechnend und verletzlich, emanzipiert und anlehnungsbedürftig, möchte die Männer lieben, aber muss sie dann doch adoptieren.

Als reife Frau wurde sie endlich zu dem, was wohl schon immer in ihr gesteckt hatte: zur einzigen grossen Westernheldin der Filmgeschichte – am eindrücklichsten in «Forty Guns» von Samuel Fuller und am populärsten in der TV-Serie «The Big Valley».

1982 hatte endlich auch die Academy ein Einsehen und erhob die Stanwyck in Sphären, die eigentlich nur Männern wie Chaplin, Hawks oder Hitchcock vorbehalten waren. Die Schauspielerin, die nie einen Oscar gewonnen hatte, wurde für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Am 20. Januar 1990 starb die unbeugsame Autodidaktin aus Brooklyn. Und noch immer wünscht man sich, «Hopsi» zu sein, wenn sie die Axt führt.

© THOMAS BINOTTO

PUBLIZIERT AM 16.7.2007 IN DER «NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG»

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