William Wyler (1902-1981)

Tiefenschärfe in jeder Hinsicht

Seine Filme wurden für 127 Oscars nominiert – 35 Mal konnten Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter die Statuette mit nach Hause nehmen – dreimal er selbst. William Wyler ist der einsame Spitzenreiter in der ewigen Oscar-Bestenliste, was einerseits ein Klischee bedient und andererseits auf eine aussergewöhnliche künstlerische Leistung hinweist.

Das Klischee erwartet von einem derart preisgekrönten Regisseur gehobene Unterhaltungsware und gepflegtes Melodrama. Es ist unbestritten, dass Wyler darin ein Meister war, ein Studio-Handwerker alter Schule, der es verstand, den idealen Oscar- Preisträger zu konfektionieren. Filme wie «Mrs. Miniver», «Ben Hur» oder «Roman Holiday» passten genau ins Schema – und Wyler hat das weder bestritten noch bedauert. Wenn er sich auch geweigert hatte, in das Herrenmodegeschäft des Vaters einzusteigen, so war er doch Kaufmann genug, um stolz solide Ware abzuliefern, die dem Massenpublikum auf den Leib geschneidert war.

Hinter dem Preissegen steckt aber auch ein grosser Künstler. Wyler war ein Teamplayer und darin genial. Er inszenierte immer Filme und nie sich selbst. Ford hatte seine Augenklappe, Hitchcock seine Kurzauftritte und Capra seine Pfeife – Wyler war bloss ein äusserlich unscheinbarer, etwas untersetzter Mann, der stets betonte, er sei Dirigent und nicht Komponist.

Aber er fand kongeniale Partner im Kameramann Gregg Toland, der Drehbuchautorin Lillian Hellman, dem Cutter Daniel Mandell oder in den Schauspielerinnen Bette Davis und Audrey Hepburn. Wer am 1. Juli 1902 im damals noch deutschen bald aber wieder französischen Elsass geboren wurde und als Sohn eines Schweizers und einer Deutschen aufwuchs, dem wurde die dafür notwendige Flexibilität vielleicht in die Wiege gelegt. Zumindest wurde die sprachliche und kulturelle Offenheit von der Mutter gezielt gefördert, und sie war es auch, die ihn 1920 in Zürich mit seinem Cousin Carl Laemmle, Chef der Universal Studios, zusammenbrachte, der ihn vom Fleck weg engagierte.

1925 führte Wyler das erste Mal Regie, und nach zwanzig Billigstwestern wurde er 1929 mit «Hell’s Heroes» zum richtigen Dirigenten. Ein gefürchteter Perfektionist zudem, denn wer in seinen Filmen als Star funkeln wollte, hatte zu leiden. Zahllos sind die Geschichten, die ihn als Schauspielerschinder darstellen, endlos liess er Szenen wiederholen, oft ohne oder nur mit der einzigen Anweisung «Nochmals!». Aber selbst wenn sich Schauspieler mit diesem Stil nicht anfreunden konnten, er wusste genau, was er wollte: «Ich drehe sehr, sehr viele Takes, wenn es nötig ist, aber es gibt immer einen Grund dafür. Es mag sein, dass ich den Schauspieler den Grund nicht immer wissen lasse, doch dann gibt es auch dafür einen Grund.

Immerhin, ein Markenzeichen hat Wyler bei aller Zurückhaltung dennoch hinterlassen: die Tiefenschärfe, die gleichzeitige Inszenierung auf mehreren Ebenen. «Es war rein physisch gar nicht so leicht, drei, vier oder fünf Leute so zu postieren, dass man sie alle sehen konnte. Einer musste der Kamera den Rücken zuwenden, ein anderer ein wenig zurückstehen, das bedeutete, dass die Kamerabewegungen oft sehr kompliziert waren. Man musste sehr viel proben, damit das ausgesprochen Gekünstelte ganz natürlich wirkte. Zum Beispiel mussten die Schauspieler sehr nah zusammen stehen, denn durch die tiefenscharfen Linsen erscheinen entferntere Personen zu weit weg. Natürlich konnten die Zuschauer dank der neuen Technik mehr sehen – Aktion und Reaktion zur selben Zeit. Gleichzeitig gab sie den Nahaufnahmen mehr Gewicht, denn jetzt holte die Nahaufnahme eine Person nicht nur näher an den Zuschauer heran, sondern eliminierte zugleich alle anderen. Durch die Tiefenschärfe konnte man Nahaufnahmen sparsamer und dadurch wirkungsvoller einsetzen.»

Weil Wyler gestaffelte Räume und Szenerien liebte, liebte er auch die Totale. Sein Western «The Big Country» ist eine einzige Huldigung an die Totale, ein Film, der auf extreme und doch absolut harmonische Weise die Horizontale, die Weite von Land und Geschichte betont.

Dank Tiefenschärfe sind Wyler spektakuläre Szenen gelungen, die sich allerdings nicht mit Getöse ankündigen, weil sie gerade dadurch um ihre Wirkung gebracht würden. André Bazin entdeckte darin eine liberale und demokratische Grundhaltung. Wyler «spielt mit offenen Karten [und lässt] dem Zuschauer die Möglichkeit zu beobachten und zu wählen und dank der Länge der Einstellungen sogar die Zeit, sich eine Meinung zu bilden.» Und Karel Reisz sah für den Zuschauer die Möglichkeit, selbst am Schnitt beteiligt zu werden.

Dass Wyler nicht bloss Aufträge ausführte, zeigt die Wahl seiner Stoffe. Er wollte immer Filme machen, die bei aller Unterhaltsamkeit einen Stachel zurückliessen. Nach dem Krieg wurde er unter anderem deshalb sein eigener Produzent und leistete sich den Luxus, wählerisch zu werden. Durch sein gesamtes Werk zieht sich ein unbestechlicher, oft entlarvender Blick auf den amerikanischen Traum, seine Verlierer und Gewinnler, wobei Wylers Sympathie – für amerikanische Verhältnisse nicht selbstverständlich – ganz den Verlierern gehört. Er ist Hollywoods vielschichtigster Chronist des «american way of life». Die glücklichste Verbindung von inhaltlicher und formaler Tiefenschärfe ist Wyler in «The Best Years of Our Lives» gelungen. Er hat zu einem Zeitpunkt das Schicksal von Kriegsheimkehrern thematisiert, als es noch schmerzte und damit bewiesen, dass auch Studiofilme am Puls der Zeit sein konnten. Ohne äusserliche Schauwerte erzählt er in seiner ihm eigenen bezwingenden Gradlinigkeit und ruhiger Kraft eine Geschichte, die über die Aktualität hinaus aktuell bleibt.

Als Wyler am 27. Juli 1981 starb, war er längst vom Dirigenten zum unvergesslichen Maestro geworden.

© THOMAS BINOTTO

PUBLIZIERT AM 1.7.2002 IN DER «NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG»

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