Martin Scorsese (*1942)

Yin und Yang – Kino und Scorsese

In seiner privaten Videothek stehen gut 40‘000 Filme, für deren Verwaltung er eigens einen Videothekar angestellt hat. Er sieht sich täglich mindestens einen Film an und setzt sich seit Jahren für die Erhaltung von Filmklassikern ein. Die Dokumentation »A Personal Journey With Martin Scorsese Through American Movies» gehört zu den schönsten und fachkundigsten Liebeserklärungen an die achte Kunst. Kurz: Scorsese ohne Kino ist unvorstellbar – genausowenig wie Kino ohne Scorsese.

Martin Scorsese hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er von den grossen Werken der Filmgeschichte inspiriert ist, ja diese Beeinflussung ausdrücklich sucht. Seine Drehbücher versieht er jeweils mit einer detaillierten Shotlist, in welcher er nicht nur festhält, wie eine Szene auf der Leinwand aussehen soll, sondern oft auch gleich seine Referenz aus der Filmgeschichte angibt. Anmerkungen wie »Siehe ‘Marnie’: Szene, in der sie ihr Pferd erschiesst» sind bei Scorsese keine Seltenheit und sein Kameramann Michael Ballhaus berichtet, dass er ihm entsprechende Schlüsselfilme und -szenen auf Video vorgeführt habe. Selbst im Schneideraum lässt Scorsese jene Referenzwerke laufen, die ihm Vorbild sind.

Anhand seines neuen Films »Bringing Out the Dead» lässt sich exemplarisch zeigen, wie bewusst Scorsese bestehende Filme in sein Werk einbezieht und weiterentwickelt, ohne jedoch platten Abklatsch zu liefern. Er geht zwar immer wieder bei den grossen seiner Zunft in die Schule, ein Epigone aber, das ist Martin Scorsese nie gewesen.

Vom Taxi- zum Ambulance-Driver

Wie vielleicht nie zuvor variiert und transformiert Scorsese diesmal sein eigenes Werk – ganz folgerichtig, nachdem er inzwischen selbst Teil der Filmgeschichte geworden ist.

In »Bringing Out the Dead» erzählt Scorsese die Geschichte von Frank Pierce (Nicholas Cage), einem Ambulanzfahrer, der rastlos durch die Strassen von New York fährt, physisch und psychisch isoliert ist und unter der Grausamkeit der Grossstadt leidend. Er ist Gottes einsamer Mensch, der eigentlich nur eines – nämlich Erlösung sucht. Genau das war im Kern bereits die Geschichte von Travis Bickle (Robert de Niro) in »Taxi Driver» (1975).

Die Analogien zwischen den beiden Filmen lassen sich bis in die Einzelheiten verfolgen: Schon die geheimnisvollen Rauchschwaden zu Beginn sind ein Selbstzitat. Heute wie damals verdichten sich Detailaufnahmen des fahrenden Autos zur puren Atmosphäre. In beiden Filmen dienen rot eingefärbte Bilder – sowieso eine Vorliebe Scorseses – dem Sichtbarmachen von Emotionen. Und sowohl von Travis Bickles wie von Frank Pierce wird das Augenpaar leinwandfüllend gezeigt, eine Grossaufnahme, die alles über ihren psychischen Zustand verrät.

In »Taxi Driver» fleht Travis die Kioskfrau in einem Pornokino förmlich an, ihm ihren Namen zu nennen – in »Bringing Out the Dead» wird der Einsiedler Frank vom Bild eines Opfers verfolgt, das er nicht vergessen kann, gerade weil es ihm seinen Namen genannt hat und damit aus der anonymen Masse herausgetreten ist. Und schliesslich arbeiten sowohl Travis als auch Frank vor allem nachts, weil sie keinen Schlaf mehr finden können.

Dennoch ist »Bringing Out the Dead» kein Remake von »Taxi Driver» geworden. Während in »Taxi Driver» hinter jeder Szene Aggressivität lauert, ist das vorherrschende Gefühl in »Bringing Out the Dead» Trauer und Verzweiflung. Es sind zwei verschiedene Arten von Wahnsinn, die hier am Werk sind: Der Todesengel Travis will die Welt retten, indem er sie zerstört, der barmherzige Samariter Frank zerstört sich selbst, weil er die Welt nicht heilen kann. Der eine wünscht sich die Sintflut herbei, damit endlich das grosse Reinemachen beginnen kann – der andere fährt mit seiner Arche durch die Strassen, in der Hoffnung, so viele Menschen wie möglich zu retten.

Eine aussergewöhnliche Kraft erhalten Scorsese Visionen vor allem deshalb, weil er so meisterhaft mit Kontrapunkten umgeht. »Taxi Driver» fliesst fast schon träge dahin, begleitet von der unvergesslich schwerblütigen Musik Bernard Hermanns, und doch ist der Film von einer geradezu unheimlichen Gewalttätigkeit. Die Traurigkeit und Resignation, die in »Bringing Out the Dead» dominiert, steht in scharfem Kontrast zum horrenden Tempo des Films, den ruhelosen Bildern und der aufpeitschenden Musik – wir befinden uns mitten in einem irrsinnigen Totentanz durch das nächtliche New York.

Spielfigur in Gottes Würfelspiel

Inhaltlich erinnert Scorseses neuer Film frappant an »Taxi Driver», formal hingegen viel stärker an »After Hours» (1985). Auch dort ist die Hauptfigur ein isolierter Mann, der Programmierer Paul Hackett (Griffinn Dunne), der ebenfalls keinen Schlaf findet. Ihn schickt Scorsese auf eine grausame Achterbahnfahrt durch das nächtliche New York. Er ist ein willenloses Opfer, das nichts weiter tun kann, als seine Verzweiflung gegen den Himmel zu schreien. Am Morgen sitzt er – leicht lädiert zwar – wieder an seinem Arbeitsplatz, als wäre nichts geschehen. Man mag das nach dem vorangegangenen Höllentrip als Hoffnungsschimmer deuten, ebenso gut kann man aber auch annehmen, die Schlange habe sich in ihren Schwanz gebissen, und das Ganze sei deshalb erst der Anfang einer Selbstzerstörung.

An die Rasanz von »After Hours» hat Scorsese in »Bringing Out the Dead» angeknüpft, die verrückte, lebensgefährliche Fahrt im Taxi wiederholt sich in den aberwitzigen Fahrten mit dem Ambulanzwagen – ein beängstigendes, unaufhaltsames Dominospiel in Lebensgrösse. Wohl nicht zufällig gibt es in beiden Filmen ein musikalisches Motiv, das an das unerbittliche Ticken der Uhr erinnert.

Wie Paul dreht sich auch Frank im Kreise, als Gefangener eines Labyrinths, aus dem es keinen Ausweg gibt. Und wie in »After Hours» kippen die Szenen immer wieder ins Absurde, in eine Wahnwitzigkeit, die komisch ist – so komisch wie Franz Kafka und Hieronymus Bosch.

Paul Hackett wird durch den Film gejagt, ohne eine Chance auf Erlösung und am Ende landet er wieder da, wo er angefangen hat. Frank ergeht es in »Bringing Out the Dead» genauso. Er ist wie Paul Gefangener und Gejagter.

Der hartnäckige Gott von New York

Scorseses grosse Leidenschaft neben dem Kino ist die Religion. Und wenn er sich mit Paul Schrader zusammentut, darf man in dieser Hinsicht erst recht einiges erwarten. Immerhin hat Schrader für Scorsese bereits die Drehbücher zu so religiös »augefladenen» Filmen wie »Taxi Driver», »Raging Bull» und »The Last Temptation of Christ» geschrieben.

Am Anfang von »Bringing Out the Dead» steht ein Filmplakat mit einem unübersehbaren Kreuz Zentrum, am Ende eine bewusst nachgestaltete Pietà-Darstellung. Dazwischen liegen eine ganze Reihe von Szenen, welche der christlichen Bildtradition verpflichtet sind. Da gibt es beispielsweise eine Jungfrauengeburt, an die ausgerechnet Marcus (Ving Rhames), der sonst überaus auferweckte Partner Franks nicht glauben mag, obwohl die kindliche Mutter doch Maria heisst. Derselbe Marcus inszeniert in einem Club ein Auferstehungswunder, um die dort versammelten Junkies von ihrem schlechten Weg abzubringen.

Und immer wieder begegnet Frank dem verstörten Noël (Marc Anthony), der nie genug Wasser kriegen kann, weil er sich in der Wüste wähnt. Noël wird zum eigentlichen Alter-Ego Franks – der eine verdurstet, der andere verhungert und bei beiden wird dieser unstillbare Hunger zum Symbol für ihre Sehnsucht nach Erlösung.

Noël sieht den einzigen Weg dazu im Tod und bittet deshalb Strassenpassanten, ihn umzubringen. Frank wiederum will endlich von seiner aussichtslos scheinenden Mission befreit werden. Und weil er das selbst nicht schafft, versucht er seinen Einsatzleiter mittels lausiger Arbeitshaltung dazu zu bringen, ihn zu entlassen – vergeblich. Schliesslich nimmt ihn sein Vorgesetzter in den Arm und versichert Frank, dass er ihn gar nicht entlassen könne – Gottvater ist auf Menschen wie Frank angewiesen. Die Klage Jesu in «The Last Temptation of Christ» könnte auch von Frank stammen: »Gott liebt mich. Ich weiss, dass er mich liebt. Er soll damit aufhören. Ich ertrage den Schmerz nicht, die Stimmen und den Schmerz. Er soll mich lassen. Ich bekämpfe ihn. Ich zimmere Kreuze, damit er einen anderen findet.» Dass hier tatsächlich ein Stellvertreter Christi leidet, kommt auf subtile Weise in einer kurzen Dialogzeile zum Ausdruck, in welcher sein Partner über ihn sagt: »He’s dying for saving someone.»

Wie entkommt man der Spirale?

Eine weitere Spur führt wieder zurück in die Filmgeschichte, zu »Vertigo» (1958) von Alfred Hitchcock. Frank kurvt zwar mit anderer Geschwindigkeit, zu anderer Musik und in einer anderen Stadt um die Häuserblocks, aber er wird von der selben Obsession getrieben wie Scottie (James Stewart) in Hitchcocks Klassiker. (Ganz nebenbei gelingt Scorsese ein ebenso faszinierendes Porträt New Yorks, wie »Vertigo» eines von San Francisco ist.)

So wie Scottie den Tod seiner Traumfrau Madeleine nicht verhindern konnte und nun krampfhaft auf der Suche nach ihrem Ebenbild, ihrer Reinkarnation ist, so fühlt sich auch Frank schuldig am Tod einer Frau, ist fixiert auf ihr Gesicht, welchem er nun überall begegnet. Scottie wie Frank versinken immer tiefer im Strudel ihrer Wahnvorstellung. Bei Hitchcock taucht die Spirale schon auf dem Filmplakat auf und wird zum Leitmotiv des gesamten Films, bei Scorsese kulminieren die endlosen Kreisbewegungen in einem Moment, wo sich die Kamera um die eigene Achse dreht. Und in beiden Fällen wird in einer Traumsequenz sichtbar, wie sehr die beiden im Reich der Toten gefangen sind.

Genau wie James Stewart verkörpert Nicholas Cage einen Mann, der ganz unten anfängt und noch tiefer fällt – die Spirale hat ihn gepackt und sie lässt ihn nicht mehr los. Ganz am Schluss scheinen zwar beide von ihrem Stigma erlöst, der eine kann furchtlos in die Tiefe blicken, der andere endlich wieder schlafen. Aber in beiden Fällen mag man sich das Happy-End nicht einreden, zu grausam wurden beide nach unten getrieben, so dass man annehmen muss, sie seien eher aus Erschöpfung als aus Erlösung zur Ruhe gekommen.

© THOMAS BINOTTO

PUBLIZIERT IN «FILM – DIE SCHWEIZER KINOZEITSCHRIFT» 5/2000

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