In der Streaming-Hölle

Der Lockdown-Glanz ist dahin: Unsere Netflix-Abende haben ihre Magie verloren.

Nur ein paar Monate lang brachten sie Trost in unsere separierten Wohneinheiten. «Weisst du noch, wie süss sich damals die Flucht vor diesem einen verdammten Thema angefühlt hat? – Mit welcher Lust wir kreuz und quer durch die weite Welt gestreamt sind! – Wie uns das serielle Lagerfeuer Wärme gespendet hat!»

Drei Menschenjahre und ein paar Dutzend Staffelfinale später sind Netflix-Abende zur Qual geworden. Sie heissen auch nicht mehr Netflix-Abende. Sie heissen jetzt Netflix-Disney-Apple-Sky-PlaySwiss-Filmingo-Abende. Und deshalb steht nun, kaum hat man sich auf dem Sofa eingekuschelt, eine Richtungswahl an: Wo gehen wir heute Abend streamen? – Und wer zum Teufel kennt das Login?

Hat man schliesslich – bereits mittelprächtig genervt – das Portal betreten, steht das Studium der Menükarte an. Und diese Karte ist lang. Ellenlang! Und unübersichtlich. Pures Chaos! Und unfreundlich. Was für grauslige Algorithmen! – Wer von der Menükarte beim Asiaten jeweils überfordert ist, dem hilft jetzt nicht einmal beten.

Die Furchtlosen geben aber nicht  klein bei. Sie diskutieren die Sache aus: «Worauf hast du denn Lust, Schatz?» Das klingt nach harmloser Einstiegsfrage, kann aber bereits unwilliges Knurren und Zähnefletschen auslösen. Also sofort Druck rausnehmen: «Komm, wir schauen ganz unverbindlich mal hier rein. Wenn’s nicht passt, wechseln wir nach 5 Minuten.» 10×5 Minuten später ist man sich einig: Gute Laune war mal. Und das Glas Wein, einst zum Genuss hingestellt, dient nun der Frustbewältigung.

Sogar die primitive Lust auf Verblödung ist  verflogen. Stumpf scrollt man sich durch das Angebot dieser saumühsamen Streamingportale bis hin zur Kategorie «Weil Sie sich die letzten zehn Abende auf nichts einigen konnten». Geistesabwesend erinnert man sich an die Kollegin, die beim Pausenkaffee im entspannten Plauderton erzählt hat, wie sie ganz neu «Die Simpsons» entdeckt habe. Nun sei sie ganz süchtig danach. – DIE SIMPSONS! Seit 34 Jahren auf Sendung! Heisst: 747 Folgen! Bedeutet: 747 Abende gerettet! Der Neid steigert sich ins Unermessliche. «Ich beiss gleich in den Rand der Chips-Schale.»

Kurz vor Lichterlöschen landet die Kuscheldecke ungekuschelt in der Ecke. «Ich hau mich ins Bett und suche mir ein schönes Hörbuch zum Einschlafen.»

Wird leider nix daraus, denn in der Hörbuch-Hölle warten über 500’000 Titel darauf, der Qual kein Ende zu setzen.

Publiziert in forum – Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zürich – Ausgabe 10/2023

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