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Mein Lieblingsfilm

Immer wieder werde ich gefragt: «Welches ist dein absoluter Lieblingsfilm?» – Eine Frage, die von mir eine überharte Entscheidung verlangt, vor der ich mich selbstverständlich immer drücke.  Nun will ich es aber doch ganz furchtlos tun und zugeben: Mein Lieblingsfilm heisst «Löwen aus zweiter Hand»! Und der geht so…

In gewissen Situationen können sich Schusswaffen durchaus als nützlich erweisen: Um ungebetene Handelsreisende zu verjagen beispielsweise, um Fischen den Garaus zu machen oder um einen altersmüden Löwen aus zweiter Hand in Schach zu halten. Genau: Wir befinden uns in Texas, wo das Gewehr des Mannes bester Freund ist.

Garth und Hub würden sich selbst ohne zu zögern als ungenießbare alte Knacker bezeichnen oder als Misanthropen, wenn ihnen ein so gebildetes Wort über die Lippen käme. Bei diesem seltsamen Paar wird der 14-jährige Walter eines Tages ohne jede Vorwarnung abgegeben. Sie seien seine Großonkel, versichert ihm seine Mutter. Sie will Walter los sein und erwartet von ihm gleichzeitig, dass er die beiden Alten aushorcht, weil das Gerücht umgeht, diese hätten auf ihrer Farm einen millionenschweren Schatz versteckt.

Für Spionage ist Walter jedoch denkbar ungeeignet. Er ist schüchtern, ängstlich, ungeschickt – und liebenswürdig. Hub und Garth, die von allem nichts ahnen, machen Walter schnell klar, dass er von ihnen weder Zuneigung noch Erziehung zu erwarten hat. Er solle sich vielmehr auf ihr baldiges Ableben einrichten, dann sei er ohnehin auf sich allein gestellt.

Regisseur Tim McCanlies erzählt in «Löwen aus zweiter Hand» ein eigenwilliges Märchen mit einem schlicht umwerfenden Trio in den Hauptrollen. Derart entspannte Lebenskünstler muss man einfach ins Herz schließen. Zugegeben, es geht auch ruppig zur Sache und bestimmt nicht immer nach dem Geschmack seriöser Erziehungsberechtigter. Aber gerade weil nicht gesäuselt wird, ist diese Liebesgeschichte zwischen zwei einsamen Alten und einem einsamen Jungen so herzerwärmend.

Allen missmutigen Vorsätzen zum Trotz lässt sich einer dieser Grobiane schließlich dennoch herab und erzählt Walter die wahre Lebensgeschichte der Brüder. Völlig überraschend tut sich in Walters Kopf ein sagenhaftes Panorama auf: furchtlose Fremdenlegionäre in Afrika, Abenteuer in einem farbenprächtigen Bilderbuch- Orient, unsterbliche Liebe zu einer wunderschönen Prinzessin und ewige Feindschaft mit einem fiesen Scheich. All das nimmt in der Vorstellung Walters spektakulär Gestalt an – und auf der Leinwand glücklicherweise auch.

So lässt es sich dann doch ganz gut aushalten auf der gottverlassenen Farm, und allmählich wird Walter zum Verbündeten der beiden Alten. Außenseiter sind sie ja schließlich alle. Als sich auch noch ein abgetakelter Löwe im Maisfeld gemütlich niederlässt, scheint das Glück vollkommen. Wäre da nicht die Legende vom Schatz, die ungebetene Gäste anlockt.

«Löwen aus zweiter Hand» ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass die Leiden des Regisseurs nach den Dreharbeiten noch lange nicht vorüber sind. Im Schneideraum wird nochmals gehörig und manchmal monatelang geschwitzt. Wenn es nur darum ginge, die guten von den schlechten Szenen zu trennen, wäre alles halb so schlimm. In Wahrheit müssen sich Regisseure aber auch von brillanten, von heiß geliebten und hart erkämpften Szenen verabschieden.

Auf der DVD-Ausgabe zu werden wir eindrücklich und unterhaltsam darüber aufgeklärt, wie viel hervorragendes Material McCanlies wegließ. Er tat es dem Film zuliebe, weil die Szenen entweder nicht nahtlos ins Konzept gepasst oder den Erzählfluss gehemmt hätten, oder weil der Film dadurch schlicht zu lange geworden wäre.

Thomas Binotto (Auszug aus dem Buch «Mach’s noch einmal, Charlie!»)

LÖWEN AUS ZWEITER HAND (Secondhand Lions)
USA 2003
Buch und Regie: Tim McCanlies.
Besetzung: Haley Joel Osment, Michael Caine, Robert Duvall, Kyra Sedgwick…
105 Minuten
FSK 6
DVD: Warner (derzeit nur antiquarisch erhältlich)

Wer streamt «Löwen aus zweiter Hand»? – Hier nachschauen…

Wer Filme liest, hat mehr vom Sehen

Dass ich mich als «Filmleser» jeweils erklären muss, zeigt die dringende Notwendigkeit, dies auch zu tun. Und so habe ich nach zehn Jahren Praxis einen Grundlagentext zu meinem Verständnis von Filmlesen versucht.

Kinder, die eingeschult werden, lernen lesen und schreiben. Das empfinden wir als Selbstverständlichkeit. Die Schrift-Sprache verlangt ganz offenkundig sowohl die Kompetenz des Lesens wie die des Schreibens. Beide Kompetenzen bedingen einander. Wir zweifeln nicht daran, dass es gute und weniger gute Leser gibt. Und auch nicht, dass das Lesen genau wie das Schreiben ein vielschichtiger, partizipativer, kreativer und auch individueller Prozess ist.

Bild-Sprache als curriculare Leerstelle

Im Umgang mit Bild-Sprache verhält sich die Schule wesentlich unbedarfter. Die Kinder schauen ja alle bereits Filme, wenn sie eingeschult werden. Was soll es da noch zu lernen geben?

Filme gelten nach wie vor als Konsumprodukt. Und bei dieser Einschätzung bleibt es gemeinhin die gesamte Schulzeit hindurch. Bezeichnend sind die Gelegenheiten, bei denen Filme mehrheitlich eingesetzt werden: Sie werden gegen Ende des Schuljahres gezeigt, wenn es nicht mehr ernst gilt. Für die abendliche Unterhaltung im Klassenlager ausgesucht. Locken als Belohnung, wenn man sich durch ein Buch gekämpft hat. Sie bebildern historische Epochen oder dienen als inhaltliches Sprungbrett für eine Diskussion in Sozialkunde.

Der neue Lehrplan für Bayern, der sich jetzt in der Einführungsphase befindet, ist einer der ersten im deutschsprachigen Raum, der Film und Buch auf Augenhöhe stellt. Filme werden als eigenständige Textgattung anerkannt und dürfen nun mit ministerieller Ermächtigung auch so behandelt werden.

Auch im Schweizer Lehrplan 21 wird Film aufgewertet, aber das Filmlesen bleibt hier bestenfalls eine Randnotiz. So erscheint der Film nach wie vor als Mittel zum Zweck. Im Zentrum steht die Mediennutzung und -wirkung. Nicht aber das Durchdringen von Filmtexten. Mit Begriffen der Literaturwissenschaft ausgedrückt: Die Grammatik des Films, seine Dramaturgie und seine Rhetorik werden als Lernstoff kaum beachtet. Oder polemisch verknappt: Es geht um Anwenderwissen, nicht um Hermeneutik.

Es ist deshalb kein Zufall, dass unter Filmbildung die meisten Lehrerinnen und Lehrer das Drehen von eigenen Filmen verstehen, das Filmschreiben also. Formale Mittel werden auch hier vor allem als Mittel zum Zweck gelernt. Lesen durch Schreiben gewissermassen.

Damit wird nach wie vor weitgehend übersehen, dass Filmtexte genauso vielschichtig sind wie Schrifttexte. Dass es neben dem Charisma des Filmschaffenden auch das Charisma des Filmlesers gibt. Dass Filme in ihrer Rezeption ebenso komplex sind wie Bücher.

Sehen ist mehr als anschauen

Der Begriff «Filmleser» ist deshalb eine gezielte Irritation, um deutlich zu machen, dass Filme zu sehen mehr bedeutet, als sie bloss anzuschauen.

Das beginnt schon damit, dass ein Film weder auf der Leinwand noch auf dem Bildschirm gesehen wird. Er fügt sich erst in unserem Kopf zusammen. Wenn wir aus dem Kino kommen, dann wurde uns zwar ein und derselbe Film gezeigt – wir haben aber unsere je eigenen Filme wahrgenommen. Die kontroversen Diskussionen über das, was wir eben gesehen haben wollen, bezeugen dies immer wieder. Rezeption ist also immer und automatisch Interpretation.

Die Komplexität des Filmlesens, zeigt Platons Höhlengleichnis. Es wird deshalb in der Filmtheorie immer wieder gerne aufgegriffen. Und es erinnert bereits in seinem bildhaften Aufbau an das Kino: Schatten, die sich auf einer Höhlenwand abzeichnen. Menschen, die als Zuschauer diese Schatten für unmittelbare Wirklichkeit halten. Die diese Illusion nicht entlarven können, weil sie an ihren Sitz gefesselt nur nach vorne schauen. Die also weder die Lichtquelle noch die Wirklichkeit erkennen können, die für das Schattenspiel zuständig sind. Die noch nicht einmal bemerken, dass auch die Schatten kein Abbild der Wahrheit, sondern die Projektion eines Figurenspiels sind.

So lässt sich das Kino in der Tat beschreiben. Wir sollten uns aber bewusst bleiben, dass Platon eben nicht das Kino beschreibt. Er beschreibt vielmehr, wie wir Menschen den Kosmos zu lesen versuchen. Dass er dafür ausgerechnet auf Bildsprache zurückgreift, hat seine innere Logik. Vielleicht ahnte Platon bereits, was inzwischen Allgemeinwissen ist, dass nämlich Bilder viel schneller, viel intensiver und viel nachhaltiger wahrgenommen werden als Schrift.

Bilder empfinden wir instinktiv als echt, als objektiv, als klar und eindeutig. Sie erwecken den Eindruck, sich von selbst zu erklären.

Bewegte Bilder steigern diesen Effekt noch. Um bei Platons Bild anzuknüpfen: Filme sehen wir nicht als distanzierte Zuschauer. Wir tauchen in das Schattenspiel auf der Höhlenwand selbst ein und halten uns für einen Teil davon. Dies lässt sich eindrücklich an der Exposition von François Truffauts «La nuit américaine» demonstrieren und unmittelbar nachvollziehen: Wenn die Strassenszene durch den Ruf des Regisseurs unterbrochen wird, fühlen wir uns aus der Realität herausgerissen.

Die Anweisung «Coupé!» löst bei uns Ernüchterung aus: «Ach so, es handelt sich hier bloss um Dreharbeiten.» Danach lässt Truffaut dieselbe Szene nochmals durchlaufen. Nun hören wir jedoch die Regieanweisungen. Und unweigerlich fühlen wir uns als objektive Zuschauer, die den Blick von der Leinwand in die Realität wenden, vom Schattenspiel zur Lichtquelle. Bis wir erkennen müssen, dass wir unseren Blick erneut nicht von der Höhlenwand abwenden konnten.

Wir sitzen nach wie vor gebannt auf unseren Plätzen und sehen immer und immer wieder nach vorne ins Schattenspiel. Truffaut weiss das als Schöpfer selbstverständlich ganz genau. Und deshalb setzt Delerues barockisierende Fanfare erst am Ende dieser Exposition ein. Jetzt erst geraten wir so richtig in Verzückung. Wir können aus dem Film, genau wie aus Platons Höhle, nicht wirklich ausbrechen.

Oder doch? – Platon scheint es ja geschafft zu haben, wie sonst könnte er uns das Höhlengleichnis erzählen. Filmlesen bedeutet so, in die Welten des Films nicht nur einzutauchen, sondern sie auch zu erklären. Also nicht bloss zu entdecken, wie mächtig diese Bildermaschine funktioniert, sondern auch einen Blick auf die Maschine selbst zu erhaschen und Erklärungen zu versuchen, wie sie funktioniert. Mit welchen Mitteln arbeitet der Film? Welche Wirkung erzielt er damit? Und was will ich davon halten?

Wieso – wie – warum?

Diese Fragen führen von der Theorie direkt zur Praxis des Filmlesens. In aller Kürze zusammengefasst geschieht diese durch die Arbeit mit kurzen Filmausschnitten, die zunächst ein Erlebnis generieren – also das Eintauchen ins Schattenspiel – dann aber dieses Erlebnis in seiner Gemachtheit und seiner Vielschichtigkeit reflektieren.

Die zentrale Frage des Filmlesens lautet deshalb: «Wieso?» – «Wieso bringt mich die eine Szene zum Weinen und eine andere zum Schwitzen?» – «Wieso muss ich lachen?» – «Wieso empfinde ich Action tatsächlich als Bewegung?»

Diese Grundfrage führt zum «Wie?» und zum «Warum?» – «Wie hat die Regie das gemacht?» – «Mit welchen Mitteln arbeitet sie?» – «Und warum wendet sie diese Mittel genau hier an?» – «Warum werde ich davon berührt – oder auch nicht?»

Eine Filmszene wird also im optimalen Fall zunächst erlebt, dann analysiert und schliesslich wieder in eine Synthese überführt. Das Filmerlebnis soll nicht seziert und schon gar nicht wegrationalisiert werden. Die Reflexion soll vielmehr dazu führen, dass unser Filmerlebnis noch intensiver, noch vielschichtiger und noch geheimnisvoller wird.

Arbeit mit kurzen Filmausschnitten

Kurze Filmausschnitte bieten sich dafür in mehrfacher Hinsicht an. Ganz pragmatisch lassen sie sich besser in den Schulalltag einfügen als komplette Spielfilme. Selbst ein mehrmaliges Anschauen ist möglich, ohne dass dabei der Stundenplan aus den Fugen gerät.

Ausschnitte lassen sich zudem leichter überblicken. Fragen, die nach 120 Minuten Film kaum zu bewältigen sind, lassen sich nach einem zweiminütigen Ausschnitt leichter beantworten. Das Wesentliche tritt im Ausschnitt häufig deutlicher hervor als im integralen Werk – vorausgesetzt, der Ausschnitt ist mit entsprechender Sorgfalt gewählt.

Die Sequenzanalyse des gesamten Films hat natürlich – zumal in der Filmwissenschaft – ihre Berechtigung und manchmal auch ihre Notwendigkeit. Aber selbst geübte Analytiker verlieren bei der grossen Zerlegung nicht selten gerade das aus den Augen, was sie eigentlich besser sehen wollten.

Ein weiteres Argument für die Arbeit mit Filmausschnitten ist die Möglichkeit, verschiedene Filme, Stile, Genres und Epochen miteinander zu vergleichen und zueinander in Beziehung zu setzen.
Mit der Ankündigung, nun werde Murnaus Meisterwerk «Der letzte Mann» in voller Länge gezeigt, wird man bei Schülerinnen und Schülern kaum Begeisterung auslösen. – «Über 90 Jahre alt, stumm, schwarzweiss, geht’s eigentlich noch?!»

Ein gut ausgewählter und eingesetzter Ausschnitt dagegen, der lässt sich aushalten. Wenn daraufhin der Wunsch auftauchen sollte, den gesamten Film zu sehen, dann entsteht eine willkommene pädagogische Dynamik, bei der man als Lehrer und Lehrerin anstatt Pflichtstoff zu verordnen endlich Wünsche erfüllen darf.

Filmlesen reflektieren, entdecken, einüben

Zu dieser positiven Dynamik gehört, dass man Schülerinnen und Schüler beim Filmlesen dort abholt, wo sie hinschauen. Die Aufgabe des Filmlesers besteht also zunächst und vor allem nicht darin, die guten von den schlechten Filmen zu trennen. Er bestimmt nicht von hoher Warte, was eine objektiv gute und richtige Literaturverfilmung ist. Es geht vielmehr darum, die Komplexität des Lesevorgangs zu reflektieren, den Prozess des Filmlesens zu entdecken und einzuüben. Diesen Prozess kann man im Marvel-Universum genauso gut anstossen wie in der sozialen Wüste Panems. Und dieser Prozess wird in der Schule nicht zur Vollendung geführt, sondern angestossen. Schülerinnen und Schülern sollen nicht Urteile beigebracht werden – sie sollen zur eigenen Urteilsfähigkeit ermächtigt werden. Auf die häufige Schülerfrage: «Was ist ein guter Film?» antworte ich jeweils: «Ein Film, den ich immer und immer wieder ansehen kann und dabei jedes Mal neue Dinge entdecke.»

Mit Vorteil beginnt das Filmlesen ganz bewusst dort, wo wir gerne hinschauen und eröffnet dann neue Blickwinkel auf das scheinbar Vertraute. Blickwinkel also, die sich nicht unmittelbar anbieten oder denen wir uns gerne verweigern würden.

Diese Bewegung vom Bekannten zum Unbekannten, vom scheinbar Trivialen zum Komplexen, vom Populären zum Klassischen, vom Konkreten zum Theoretischen kann durchaus als didaktische Folgerung aus dem Höhlengleichnis verstanden werden.

Nach einer Filmlesung unter dem Titel «Panem ist überall – Die Macht der Bilder und Bilder der Macht» erhielt ich von einem 15jährigen Schüler folgende Rückmeldung: «Wie Sie ‹Tribute von Panem› mit zum Beispiel Hitlers Olympiade zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg verglichen, war sehr neu für mich. ‹Die Tribute von Panem› ist mein Lieblingsfilm, ich habe alle Teile gesehen. Ihre Art, wie Sie Propagandavideos oder Propagandafotos darstellten und darüber erzählten, hatte eine sehr philosophische Art. Etwas während der ganzen Vorlesung verriet mir, dass etwas Philosophie dahintersteckte. Dieser Augenblick kam, als Sie Katniss Everdeen genauer beschrieben und diese entscheidende Frage öfters fragten: ‹Wer sind eigentlich wir selbst?› – Ich hätte eine Frage an Sie. Nach allem was Sie erzählt haben, würde ich sehr gerne Ihre Äusserung zu dieser Frage hören: ‹Was macht eigentlich meine Identität aus?›»

Filmlesen als kreativer Akt und Sehschulung

Je weniger wir das Schattenspiel zunächst hinterfragen, desto grösser ist der Überraschungseffekt, wenn es dann doch geschieht. Wenn wir das Geheimnis hinter dem leicht Durchschaubaren entdecken, neben dem Populären und unter dem vermeintlich Oberflächlichen, dann öffnet sich der Weg in die Tiefe und Breite besonders spektakulär, dann wird die Methode wieder zum Medium.

Das kann allerdings nur gelingen, wenn das Filmlesen selbst vom Prozess des Filmlesens lernt, wenn es seine eigene Dramaturgie entdeckt, wenn die Reflexion über das Erzählen selbst wieder zur Erzählung wird.

Dann emanzipiert sich das Filmlesen endgültig von der Vorstellung, Filme zu sehen sei lediglich ein Konsumverhalten. Dann wird Filmlesen zum eigenen kreativen Akt.

Spätestens seit dem letzten US-amerikanischen Wahlkampf ist die Notwendigkeit einer Sehschulung – nicht nur für Schülerinnen und Schüler – offensichtlich geworden. Die Bereitschaft wächst, das Lesen von Bild-Sprache als Kernkompetenz zu begreifen. Bilder sollten nicht bloss dazu dienen, ein Schulbuch gefälliger zu gestalten. Sie sind unser wichtigstes Mittel, den Kosmos zu beschreiben.

Das Lesen von Bildern ist deshalb von fundamentaler Bedeutung. Und dieses Lesen wird nicht zuletzt Talente von Schülerinnen und Schülern zu Tage fördern, die in der Schule sonst eher selten Beachtung finden.

Die allzu oft wiederholte Behauptung, Fake-News seien ein neuer Trend, weist allerdings erneut darauf hin, wie naiv wir nach wie vor in der Höhle hocken – gerade so, als hätten wir noch nie etwas von Platon gehört.

Nach fast 2500 Jahren Höhlengleichnis und gut 120 Jahren Kino ist es höchste Zeit, dass wir das Filmlesen genauso als Kulturtechnik erkennen und fördern, wie wir es beim Textlesen längst tun. Damit wir das bewegte Bild als Mittel entdecken, diese Welt zu beschreiben und das Lesen dieser Bilder als Versuch begreifen, diese Welt zu verstehen. Denn die Schatten auf der Leinwand sind nicht bloss Illusion, denn es ist bei aller Mittelbarkeit der Darstellung letztlich doch die Wirklichkeit, die diese Schatten wirft.

Thomas Binotto – Publiziert in «vpod-bildungspolitik» 204 / 2018

Betörende Mechanismen des Films

Nach einer Filmlesung in der Bibliothek von Gais am 19. Mai 2016 hat die Journalistin Brigitta Schmid dazu den folgenden Bericht geschrieben. Neben ihrer überaus positiven Kritik freut mich ganz besonders, wie anschaulich sie meine Filmlesung beschreibt:

Aktuell ist er in Ostschweizer Schulen unterwegs für „Literatur aus erster Hand“. Am vergangenen Donnerstag machte Thomas Binotto mit seiner Filmlesung „Panem ist überall – Realität und Fiktion im Kino“ auch in der BiblioGais einen Zwischenhalt. Er „las“ in der Filmtrilogie „Tribute von Panem“ und in weiteren Filmen. Über seine Power-Point-Präsentation miteinander verbunden fiel es den Anwesenden nicht schwer, sich in die Welt der Bilder, des Scheins und des Trugs entführen zu lassen. Binotto führte leicht und interessant, aber mit scharfem Blick für das Detail durch den Abend und dabei hielt er manch eine Überraschung für sein Publikum bereit.

Wer nun geglaubt hat, dass es gemessen am zu Grunde liegenden Film wohl eher eine Veranstaltung für das jüngere Publikum sei, sah sich schnell eines Besseren belehrt. Auch wenn die Bücher von Suzanne Collins die Vorlage für die Filmreihe sind, eher von einem jüngeren Publikum gelesen werden, wusste Binotto mit seinen Argumenten alle Filmbegeisterten zu fesseln.

Trügerische Welt der Bilder

Thomas Binotto ist Journalist und er hat schon unzählige Texte geschrieben, darunter auch Bücher, woraus sich sicher mit Gewinn lesen liesse. Mitgebracht nach Gais hat er aber verschiedene Filme und einen wachen Blick auf die Mechanismen, die dahinter stecken. Er ist ein versierter Erzähler und in Kombination mit seinen Ausführungen immer wieder Filmausschnitte einblendend entfaltete er die faszinierende Welt des Films, ja der Bilder überhaupt. Er entlarvte das Kino schnell als eine Maschine, die Illusionen so gestaltet, dass wir sie für die Wirklichkeit halten. Mit den ersten Bildern eines Films tauchen wir ein in eine illusionäre Geschichtenwelt. Binotto verstand es anhand einer geschickt zusammengestellten Auswahl von Filmbeispielen die Regeln des Spiels zwischen Realität und Fiktion aufzuzeigen.

Rasante Entwicklung

Vom Filmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ aus den 20er Jahren über Charlie Chaplins „Der grosse Diktator“ und die legendäre Technik von Francois Truffaut aus den 60er Jahren bis hinein in die Filmgegenwart mit den Filmen „Tribute von Panem“ spannte er einen weiten Bogen. Zeigen wollte er die Macht der Bilder auf jeden einzelnen von uns, aber auch die Möglichkeiten des Scheins, Trugs oder gar Betrugs gibt es unzählige. Er zeigte die Mechanismen der filmischen Manipulation bis hin zur puren Propaganda. Meist beginnt es ganz harmlos über einzelne Bildimpulse und führt dann über rasante Schnitte und untermalt mit passender Musik hin zum fulminanten Ende. Dem Zuschauer bleibt die konsternierte Frage: „Was ist hier denn nun eigentlich echt“?

Die Filmindustrie, ja die gesamte Medienwelt befinden sich längst in einem „Spiel um die Macht der Bilder“, das sich schnell und trügerisch dreht. Nur wer hat darüber die Kontrolle? Jedes Bild, das wir sehen, zeigt einen bestimmten Ausschnitt aus Raum und Zeit und in jedem Fall wird unser Hirn dieses ergänzen durch das Vorstellen einer Rahmengeschichte. Die Spannung im Film lebt elementar vom Schnitt der Bilder, aber auch die musikalische Untermalung ist wesentlich für die Wirkung, die die Bilder auf uns haben. Diesem gleichen Mechanismus unterliegen auch Bilder aus der Realität. Binottos Antwort darauf: niemals unkritisch oder unhinterfragt ein Bild annehmen und weitertransportieren, man muss lernen zu fragen: warum? wieso?

Anziehungskraft der Bilder

Kommt der Humor dazu – wie bei Charlie Chaplin zum Beispiel – so sind die Filme, kritisch betrachtet, auf jeden Fall beste Unterhaltung ohne jeden erhobenen Zeigefinger. Alles ist dirigiert. Jeder Kinofilm, ja jede Fotografie hat einen Manipulator, der dahinter steht und mit seinen Absichten die Szene, das Bild prägt. Das zeigte er eindrücklich anhand des Films „Olympia- Fest der Völker 1938“ von Leni Riefenstahl. Ein opulenter Propagandafilm, der heute noch ungute Gefühle weckt. So wie die Heldin der Filme „Tribute von Panem“ in der Klemme steckt zwischen ihrer Authentizität und den Zwängen, die ihr durch die Spiele und die Notwendigkeit des Überlebens angetragen werden, so steckt jeder Betrachter des Films in einem ähnlichen, wenn auch weniger existenziellen,  Zwiespalt zwischen Abscheu und Faszination. Man will nicht zum Komplizen des Bösen werden und doch steckt man mit jedem Bild tiefer in der Geschichte drin.

Kritischer, aber offener Blick

Thomas Binotto entfaltete anhand von Filmsequenzen eine kritische, immer anregende Sicht auf die unzähligen Möglichkeiten, mit Bildern Menschen zu fesseln und Menschen zu täuschen. Begonnen hat alles ganz harmlos vor über 100 Jahren mit der Entdeckung des Filmschnitts. Aber einmal in Bewegung gesetzt begann damit eine rasante unaufhaltsame Entwicklung hin zu immer mehr Bildern in immer kürzerer Zeit. Binotto ist nach eigenen Worten ein Film- und Geschichtensüchtiger, dem man mit Gewinn begegnet. Im Zusammenspiel mit seinem Talent des genauen, kritischen Blicks führt er sein Publikum mit Leichtigkeit in verschiedene Filmwelten hinein und wieder hinaus, nur um sich gleich darauf ins nächste Bilderabenteuer zu stürzen. Ein Abend mit ihm ist Unterhaltung im besten Sinn und animierte bestimmt den einen oder die andere Zuhörerin doch einmal wieder einen Blick in das Kinoprogramm zu werfen.

Brigitta Schmid

Herzlichen Dank an die Autorin für die Erlaubnis, ihren Text hier zu verwenden.