Mein Lieblingsfilm

Immer wieder werde ich gefragt: «Welches ist dein absoluter Lieblingsfilm?» – Eine Frage, die von mir eine überharte Entscheidung verlangt, vor der ich mich selbstverständlich immer drücke.  Nun will ich es aber doch ganz furchtlos tun und zugeben: Mein Lieblingsfilm heisst «Löwen aus zweiter Hand»! Und der geht so…

In gewissen Situationen können sich Schusswaffen durchaus als nützlich erweisen: Um ungebetene Handelsreisende zu verjagen beispielsweise, um Fischen den Garaus zu machen oder um einen altersmüden Löwen aus zweiter Hand in Schach zu halten. Genau: Wir befinden uns in Texas, wo das Gewehr des Mannes bester Freund ist.

Garth und Hub würden sich selbst ohne zu zögern als ungenießbare alte Knacker bezeichnen oder als Misanthropen, wenn ihnen ein so gebildetes Wort über die Lippen käme. Bei diesem seltsamen Paar wird der 14-jährige Walter eines Tages ohne jede Vorwarnung abgegeben. Sie seien seine Großonkel, versichert ihm seine Mutter. Sie will Walter los sein und erwartet von ihm gleichzeitig, dass er die beiden Alten aushorcht, weil das Gerücht umgeht, diese hätten auf ihrer Farm einen millionenschweren Schatz versteckt.

Für Spionage ist Walter jedoch denkbar ungeeignet. Er ist schüchtern, ängstlich, ungeschickt – und liebenswürdig. Hub und Garth, die von allem nichts ahnen, machen Walter schnell klar, dass er von ihnen weder Zuneigung noch Erziehung zu erwarten hat. Er solle sich vielmehr auf ihr baldiges Ableben einrichten, dann sei er ohnehin auf sich allein gestellt.

Regisseur Tim McCanlies erzählt in «Löwen aus zweiter Hand» ein eigenwilliges Märchen mit einem schlicht umwerfenden Trio in den Hauptrollen. Derart entspannte Lebenskünstler muss man einfach ins Herz schließen. Zugegeben, es geht auch ruppig zur Sache und bestimmt nicht immer nach dem Geschmack seriöser Erziehungsberechtigter. Aber gerade weil nicht gesäuselt wird, ist diese Liebesgeschichte zwischen zwei einsamen Alten und einem einsamen Jungen so herzerwärmend.

Allen missmutigen Vorsätzen zum Trotz lässt sich einer dieser Grobiane schließlich dennoch herab und erzählt Walter die wahre Lebensgeschichte der Brüder. Völlig überraschend tut sich in Walters Kopf ein sagenhaftes Panorama auf: furchtlose Fremdenlegionäre in Afrika, Abenteuer in einem farbenprächtigen Bilderbuch- Orient, unsterbliche Liebe zu einer wunderschönen Prinzessin und ewige Feindschaft mit einem fiesen Scheich. All das nimmt in der Vorstellung Walters spektakulär Gestalt an – und auf der Leinwand glücklicherweise auch.

So lässt es sich dann doch ganz gut aushalten auf der gottverlassenen Farm, und allmählich wird Walter zum Verbündeten der beiden Alten. Außenseiter sind sie ja schließlich alle. Als sich auch noch ein abgetakelter Löwe im Maisfeld gemütlich niederlässt, scheint das Glück vollkommen. Wäre da nicht die Legende vom Schatz, die ungebetene Gäste anlockt.

«Löwen aus zweiter Hand» ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass die Leiden des Regisseurs nach den Dreharbeiten noch lange nicht vorüber sind. Im Schneideraum wird nochmals gehörig und manchmal monatelang geschwitzt. Wenn es nur darum ginge, die guten von den schlechten Szenen zu trennen, wäre alles halb so schlimm. In Wahrheit müssen sich Regisseure aber auch von brillanten, von heiß geliebten und hart erkämpften Szenen verabschieden.

Auf der DVD-Ausgabe zu werden wir eindrücklich und unterhaltsam darüber aufgeklärt, wie viel hervorragendes Material McCanlies wegließ. Er tat es dem Film zuliebe, weil die Szenen entweder nicht nahtlos ins Konzept gepasst oder den Erzählfluss gehemmt hätten, oder weil der Film dadurch schlicht zu lange geworden wäre.

Thomas Binotto (Auszug aus dem Buch «Mach’s noch einmal, Charlie!»)

LÖWEN AUS ZWEITER HAND (Secondhand Lions)
USA 2003
Buch und Regie: Tim McCanlies.
Besetzung: Haley Joel Osment, Michael Caine, Robert Duvall, Kyra Sedgwick…
105 Minuten
FSK 6
DVD: Warner (derzeit nur antiquarisch erhältlich)

Wer streamt «Löwen aus zweiter Hand»? – Hier nachschauen…