Mr. President goes to Hollywood

Dieser Essay wurde am 17. Januar 2009 kurz nach der Wahl von Barack Obama in der Wochenendbeilage der NZZ publiziert. Er ist in diesen Tagen wieder ungeahnt aktuell geworden…

Seit seinen Anfängen hat sich das amerikanische Kino auch für seine Präsidenten interessiert. Lange dominierte die Ehrfurcht vor dem höchsten Amt, bis mit den politischen Entwicklungen der siebziger Jahre allmählich auch beissend scharfe Glossierungen möglich wurden.

Ronald Reagan wurde gern als zweitklassiger Schauspieler verspottet – notabene nicht zu seinen aktiven Zeiten in Hollywood, sondern während seiner Präsidentschaft. Dabei wurde ausgeblendet, dass Reagan als Präsident der Schauspielergewerkschaft (1947–52, 1959/60) und als Gouverneur Kaliforniens (1966–74) in Hollywood mehr Spuren als Politiker denn als Schauspieler hinterlassen hatte. Bill Clinton dagegen wurde nie der Vorwurf gemacht, ein schlechter Schauspieler gewesen zu sein, obwohl von seiner Amtszeit vor allem eine erbärmliche Schmierenkomödie in Erinnerung geblieben ist. Harrison Ford verkörperte als fiktiver Präsident in «Air Force One» staatsmännische Würde gepaart mit brachialer Durchsetzungskraft derart überzeugend, dass er ernsthaft als reales Staatsoberhaupt diskutiert wurde. Und Arnold Schwarzenegger wartet immer noch geduldig auf eine Gesetzesänderung, die es ihm als gebürtigem Österreicher erlaubte, die mächtigste Nation der Welt zu führen.

Unangetastetes Präsidentenamt

Das Wechselspiel zwischen Hollywood und Weissem Haus ist so alt, dass sich nicht mehr sagen lässt, was zuerst war: Die Politik als Projektionsfläche für Kinogeschichten. Oder das Kino als Steigbügelhalter der Macht. Bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war die Ehrfurcht vor dem Amt des Präsidenten praktisch ungebrochen. Das galt auch für das Kino. Nicht zufällig liegt deshalb Abraham Lincoln mit über zweihundert Filmen, in denen er als Figur auftritt, unangefochten an der präsidialen Spitze.

Lincoln wurde 1915 von Joseph Henabery im filmhistorischen Meilenstein «Birth of a Nation» verkörpert. Und für Benjamin Chapin war er buchstäblich die Rolle seines Lebens, denn bis zu seinem frühen Tod 1918 spielte dieser Lincoln nicht weniger als sechs Mal – und nichts anderes. Am eindringlichsten in Erinnerung geblieben ist jedoch Henry Fonda in John Fords «Young Mr. Lincoln» (1939). Fonda strahlte eine ironiefreie Rechtschaffenheit aus, die ihn als idealtypischen künftigen Amtsinhaber erscheinen liess, nicht nur wenn es um Lincoln ging. Die Freiheit, fiktive Präsidenten – oder gar Präsidentinnen – auf der Leinwand zu installieren, diese Kühnheit nahm sich Hollywood jedoch noch nicht heraus.

Selbst politisch brisante Filme wie «Mr. Smith Goes to Washington» (1939) oder «Meet John Doe» (1941) von Frank Capra blenden das höchste Amt aus. James Stewart steht als idealistischer Senator Jefferson Smith einer korrupten oder zumindest machtgeilen Politikerkaste gegenüber. Der Senat war von dieser Breitseite alles andere als begeistert. Senator Alben W. Barkley meinte nach der Uraufführung: «In dem Film besteht der Senat aus Trotteln, wird von Trotteln geführt und tanzt nach der Pfeife eines Gauners. Allein diese Idee war so grauenhaft, dass sie in jedem Kongressmitglied, das den Film sah, Ekel und Heiterkeit auslöste.» Und Joseph P. Kennedy, Vater eines späteren Präsidenten und damals Botschafter in London, stufte den Film gar als ernsthafte Gefahr für das Ansehen Amerikas ein.

«Meet John Doe» ging einerseits noch weiter, indem er unverblümt faschistische Machenschaften und den Missbrauch der Medien in den Vereinigten Staaten an den Pranger stellte. Anderseits blieb auch hier das Präsidentenamt von der Kritik ausgenommen.

Von der Integrität zur Korruption

Ab den sechziger Jahren war der Präsident dann aber nicht mehr länger eine graue Eminenz im Hintergrund. In «Advise and Consent» (1961) von Otto Preminger schlägt ein fiktiver Präsident einen Politiker mit kommunistischer Vergangenheit, gespielt von Henry Fonda, für das Amt des Aussenministers vor, was für politische Turbulenzen sorgt. In «The Best Man» (1963) von Franklin J. Schaffner wetteifern zwei Politiker um die Nachfolge des todkranken Präsidenten. Wieder mit Henry Fonda als integrem, aber von Selbstzweifeln gequältem Kandidaten in einer Hauptrolle. Am weitesten geht jedoch «Dr. Strangelove» (1964) von Stanley Kubrick, in dem Peter Sellers als Merkin Muffley einen ehrenwerten, aber auch leicht vertrottelten und definitiv überforderten Präsidenten gibt. Praktisch der identische Plot, jedoch ohne die satirische Überspitzung, liegt Sidney Lumets «Fail Safe» (1964) zugrunde. Der Präsident wurde in diesem Fall von Henry Fonda – von wem auch sonst – gespielt.

Die Skrupel, den amerikanischen Präsidenten zu fiktionalisieren und damit womöglich das Amt zu trivialisieren, verschwinden in den folgenden Jahrzehnten vollständig. Auf der Leinwand tauchen US- Präsidenten als Actionhelden, Schürzenjäger, Schweinehunde und Vergewaltiger auf. Fiktion bedeutet nun aber nicht, dass kein realer Auslöser dafür vorhanden wäre. Anfang der sechziger Jahre waren dies der Kalte Krieg, McCarthy und die atomare Aufrüstung.

Bis heute spielen historische Ereignisse für das Bild des Präsidenten im Kino eine entscheidende Rolle. Wie sehr, das lässt sich an vier Beispielen festmachen: der Ermordung John F. Kennedys am 22. November 1963; dem Watergate-Skandal von 1974; der Lewinsky- Affäre von 1998; den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Seit den Schüssen in Dallas werden Präsidenten – geo- oder mikropolitisch motiviert – immer wieder zu Zielscheiben. «In the Line of Fire» (1993) von Clint Eastwood knüpft ganz direkt beim Kennedy-Mord an. Eastwood selbst spielt den Sicherheitsexperten Horrigan, der den Mord an Kennedy nicht verhindern konnte und sich seither als Versager fühlt. Dreissig Jahre danach erhält er eine zweite Chance, als ein Attentat auf den amtierenden Präsidenten angekündigt wird.

Der Watergate-Skandal hat nicht nur Richard Nixon zum Rücktritt gezwungen, er hat auch das Ansehen des Amts nachhaltig beschädigt. Seither ist die filmische Darstellung eines korrupten Präsidenten kein Tabu mehr. In «My Fellow Americans» (1996) müssen sich Jack Lemmon und James Garner als Ex-Präsidenten, die sich spinnefeind sind, zusammenraufen, um einem verlogenen Amtsinhaber und seiner Entourage das Handwerk zu legen. In «Absolute Power» (1997), wiederum unter der Regie Eastwoods, schlüpft Gene Hackman in die Rolle eines Präsidenten, der nicht einmal vor der Vergewaltigung seiner Stabschefin zurückschreckt.

Insbesondere die Amtszeit Bill Clintons schlägt sich auf erstaunliche Weise im sich wandelnden Kinobild fiktiver US-Präsidenten nieder. Kurz nach Amtsantritt des als «zweiter Kennedy» bejubelten Strahlemanns erscheinen Filme wie «Dave» (1993) von Ivan Reitman oder «Hello, Mr. President» (1995) von Rob Reiner. Kevin Kline und Michael Douglas sind darin mehr mit sich selbst als mit dem Regieren beschäftigt. Sie möchten auch ein bisschen Mensch sein und wie alle anderen lieben und geliebt werden. Gerade mit der Durchschnittlichkeit ihrer Bedürfnisse geben sie uns so ganz nebenbei den Glauben an die Politik zurück. Es weht wieder etwas Capra-Touch durchs Kino, als ob Senator Jefferson Smith nun doch noch Präsident geworden wäre.

Kampf gegen das Böse

Der sympathische Präsident wird sogar noch zum heldenhaften Aufräumer gesteigert, der an vorderster Front gegen das Böse kämpft. Dieses droht nun allerdings nicht mehr durch die Sowjetunion, sondern durch Terrornetzwerke inner- und ausserhalb unseres Erdkreises. In

«Air Force One» (1997) legt Harrison Ford dem Terroristenpack im Alleingang das Handwerk. Und in «Independence Day» (1995) führt Bill Pullmann mit jugendlicher Tat- und Strahlkraft nicht nur seine Nation, sondern gleich die ganze Menschheit im Kampf gegen Ausserirdische an. Es ist dies nur einer von zahlreichen neueren Katastrophenfilmen, in denen sich der US-Präsident zum Weltretter aufschwingt. Auch die Persiflage darauf liefert uns Hollywood dank Tim Burtons «Mars Attacks!» (1996) und Jack Nicholson als denkbar stillosem Präsidenten. Das Thema lag kurz vor der Jahrtausendwende allerdings in der Luft. Burtons Persiflage war noch vor «Independence Day» geplant worden und fühlt sich dennoch wie eine Reaktion darauf an.

Auch 1998, auf dem Höhepunkt der Lewinsky-Affäre, bewies das amerikanische Mainstreamkino seine Fitness. Im selben Jahr erschien «Primary Colors» (1998) von Mike Nichols, in dem – vielleicht erstmals in der amerikanischen Filmgeschichte – ein amtierender Präsident zur Zielscheibe der Satire wurde. Jack Stanton, gespielt von John Travolta, ist unverhohlen eine Kopie Bill Clintons, und das Drehbuch basiert auf der Abrechnung von Joe Klein mit den Clintons, die 1996 anonym veröffentlicht worden war.

«Wag the Dog» (1997) von Barry Levinson hat die Aktualität sogar antizipiert. Die bissige Satire über einen Krieg, der in Ex-Jugoslawien inszeniert wird, um eine Sexaffäre des Präsidenten zu vertuschen, entstand, bevor die Lewinsky-Affäre publik wurde und bevor amerikanische Flieger Einsätze in Ex-Jugoslawien flogen. Auch «The Siege» (1998) von Edward Zwick nimmt kommende Ereignisse auf geradezu unheimliche Weise vorweg: Der amerikanische Präsident verhängt wegen drohender terroristischer Anschläge durch Islamisten den Ausnahmezustand über New York. Daraufhin ordnet Bruce Willis als General William Devereaux Rasterfahndungen an, steckt arabischstämmige Bürger ohne Verhandlung in Sammellager und lässt einen Verdächtigen zu Tode foltern. Gestoppt werden sowohl Terroristen wie Militär vom FBI-Agenten Anthony Hubbard, dargestellt von Denzel Washington. Damit sind wir nur noch wenige Schritte von der Gegenwart und Barack Obama entfernt.

Der schwarze Präsident

Denzel Washington und erst recht Will Smith – Nationalheld aus «Independence Day» – haben schwarzen Schauspielern eine zuvor nie gekannte Position in Hollywood verschafft. Bis weit in die neunziger Jahre hinein blieben selbst schwarze Stars wie Sidney Poitier oder Samuel L. Jackson auf die Rolle des Sidekicks reduziert. Die zentrale Identifikationsfigur traute man ihnen nicht zu. Das hat sich durch die Erfolge von Washington und Smith grundlegend geändert. Nun werden sie von weissen Sidekicks flankiert, und weisse Kinogänger identifizieren sich mit Smith.

Fünf Tage vor den Anschlägen auf die Twin Towers wurde bei Fox die erste Folge einer neuen Fernsehserie ausgestrahlt, die auch das Präsidentenbild in der Öffentlichkeit prägen sollte. «24» knüpft genau bei jener Terroristenangst an, die bereits vor dem 11. September 2001 umging und mit den Anschlägen ihre reale Gestalt erhielt. In den bisher sieben produzierten Staffeln spielt der Präsident der USA häufig eine tragende Rolle. Besonders der von Dennis Haysbert magistral verkörperte besonnene Präsident David Palmer, der einem politischen Attentat zum Opfer fällt, wurde zur Identifikationsfigur. So sehr, dass es nicht undenkbar erscheint, dass «24» auch seinen Teil zum Erfolg Barack Obamas beigetragen hat.

Hillary Clinton jedenfalls konnte nicht auf denselben Rückenwind zählen. Das Echo der Clinton-Ära im Mainstream ist – wie gezeigt – mehr als zwiespältig. Und auch Präsidentin Mackenzie Allen in der ABC-Serie «Commander in Chief» zog gegen die Palmer-Brüder den Kürzeren. Geena Davis wurde als erste US-Präsidentin nach einer Staffel und viel Kritikerlob mangels Erfolg abgesetzt. In der siebten Staffel von «24», deren Ausstrahlung eben angelaufen ist, hat nun eine Frau das Sagen. Ob Präsidentin Allison Taylor eine Zukunft hat, wird sich jedoch erst im Verlaufe der nächsten Wochen zeigen. Und wie es mit Barack Obama läuft, werden wir nicht nur auf der politischen Bühne, sondern zweifellos auch auf der grossen Leinwand mitverfolgen können.

Thomas Binotto

…zumindest bei der Liebesgeschichte zwischen Michelle und Barack ist Hollywood bereits angekommen: «Southside with You» von Richard Tanne startet in unseren Kinos.