Wenn das Kinderbuch zum Actionstreifen wird

Wenn das Kinderbuch zum Actionsstreifen wird

Crossover-Literatur, Bücher also, die von klein und gross gelesen werden, erfreut sich grosser Beliebtheit. Kein Wunder, dass viele dieser Bücher auch als Filmvorlagen dienten. Abgezielt wird dabei vornehmlich auf ein erwachsenes Publikum, das hohe Einnahmen verspricht. Was Crossover von Family Entertainment unterscheidet und wie Kinderbücher zu Schlachtenepen aufgebläht werden.

2001 kommt die Verfilmung von «Harry Potter und der Stein der Weisen» in unsere Kinos. Sie wird von der FSK, der Freiweilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft in Deutschland, für Kinder ab sechs Jahren frei gegeben. (In der Schweiz sind die Altersfreigaben kantonal geregelt, bewegen sich aber jeweils in einem sehr ähnlichen Rahmen.) Man muss den Film noch gar nicht gesehen haben und weiss doch schon , dass die Prüfer – im Auftrag des Jugendschutzes tätig – einem immensen Druck nachgegeben haben. Nicht wenige LeserInnen der Vorlage sind Primarschulkinder, die bei einer Freigabe ab zwölf Jahren draussen bleiben müssten. Mit ihrer Freigabe bewahrt die FSK somit viele Eltern vom «Gang in die Illegalität». Niemand, der sich die Verfilmung von Chris Columbus anschaut, kann jedoch ernsthaft behaupten, sie eigne sich bereits für Sechsjährige.

Die Generationen übergreifende Potter-Manie führte auch dazu, dass der Carlsen-Verlag die Bücher in zwei Ausgaben lancierte: Einmal mit einem Cover, das sich besonders an Kinder und Jugendliche richtete. Dann aber auch mit einem «seriösen» Cover, damit sich Erwachsene zum Beispiel im Zug nicht als LeserInnen eines Jugendbuches outen mussten.

Elf Jahre später startet im Kino «The Hobbit: An Unexpected Journey» nach dem Roman von J.R.R. Tolkien. Animiert durch den phänomenalen Erfolg seiner «Lord of the Rings»-Filmtrilogie zerlegt Regisseur Peter Jackson auch diese Vorlage in drei Teile und pumpt damit das dramaturgisch völlig anders gelagerte Werk geradezu grotesk auf. Jackson negiert, dass sich Tolkien mit dem «Hobbit» an Kinder gewandt hat, und nicht – wie mit «Lord of the Rings» – an Erwachsene. Aus einem leichtfüssigen Schelmenroman wird so bleischwerer Fantasy-Bombast.

Was hier geschieht, nennt man in der Jugendbuchproduktion «Crossover» – und in der Kinoindustrie «Family Entertainment». Hinter den beiden Begriffen steckt eine nachvollziehbare Differenz: Während sich Literatur primär als individueller Genuss entfaltet, funktioniert Kino vor allem als Gemeinschaftserlebnis. Das Buch muss gewissermassen das Kind, den Jugendlichen und den Erwachsenen je einzeln ansprechen, während das Kino sie alle zusammen vor der Leinwand vereint.

Vielschichtigkeit erhalten

Ulrich Limmer, der als Produzent und Drehbuchautor mehrere Paul Maar-Verfilmungen realisiert hat, erklärt «Family Entertainment» so: «Der Familienfilm, wie wir ihn verstehen, macht sich nicht klein, beugt sich nicht zum Kind runter. Wir wollen Kinder ernst nehmen – denn diese verstehen die Erwachsenenwelt sehr wohl, die sie tagtäglich erleben. Sie verstehen sie vielleicht anders, als wir sie zu verstehen meinen. Wir wollen Dinge nicht vereinfachen und verflachen, weil es kindgerecht werden soll. Familienfilm auch deswegen, weil wir immer versuchen einen Geschichtenstrang zu verfolgen, der in seiner Ausschmückung den Eltern noch eine zweite Ebene bietet.»

Tatsächlich bietet jeder gelungene Film genau wie jedes gelungene Buch verschiedene Schichten, die es zu entdecken gilt. Gute Kinderund Jugendfilme sind in erster Linie gute Filme, genauso wie gute Kinderund Jugendbücher in erster Linie gute Literatur sind. «Familie Entertainment» geht von der Erfahrung aus, dass Kinder normalerweise von ihren Eltern ins Kino mitgenommen werden. Also versuchen die Produzenten Filme zu machen, die auch die «von Amtes wegen» anwesenden Eltern unterhalten. Bestenfalls präsentiert sich «Family Entertainment» bereits in der Vorschau so attraktiv, dass Eltern ihre Kinder auch aus Eigeninteresse zum Kinobesuch animieren. In den vergangenen zwanzig Jahren war beispielsweise das Animationsstudio Pixar mit dieser Strategie besonders erfolgreich, mit Produktionen wie «Finding Nemo», «The Incredibles» oder «Ratatouilles». Diese Filme verstehen es meisterhaft, den Kinobesuch als FamilienEvent zu gestalten und bieten gelungenes, vielschichtiges Kino für jede Altersklasse. Derart hochwertig produziertes Kino ist jedoch auch kostspielig und kann sich nicht alleine durch Kindereintritte finanzieren.

Bildern von Erwachsenen wird der Vorzug gegeben

Die Herausforderung, alle Altersklassen einer Familie zufrieden zu stellen, ist schwer genug. Noch anspruchsvoller wird sie bei Literaturverfilmungen, weil sich hier der Film auch noch dem Vergleich mit der Vorlage stellen muss. Jede Leserin und jeder Leser kommt bereits mit einem Film ins Kino – jenem, den die eigene Fantasie im Kopf gedreht hat.

Paul Maar, der mehrere seine Bücher für das Kino bearbeitet hat, sagt dazu: «Beim Buch entstehen die Bilder im Kopf und der Leser wird damit gewissermassen zum Co-Autor des Autors, weil er sich eine ganze Welt in seiner eigenen Fantasie aufbauen muss. Lesen fördert also die kreative Eigenleistung. Das hat unter anderem gerade für Kinder den Vorteil, dass sie sich jene Bilder vorstellen können, die sie auch ertragen.»

Damit weist er auf eine grundlegende Schwierigkeit der Literaturverfilmung als «Family Entertainment» hin: Die Bilder von Kindern sehen anders aus als jene von Erwachsenen. Welchen soll man nun den Vorzug geben? Tendenziell offenbar jenen der Erwachsenen, wie die Beispiele von «Harry Potter» und «Der kleine Hobbit» zeigen. Dazu trägt nicht zuletzt bei, dass die Altersgruppe zwischen 12 und 16 Jahren im Grunde gar keine Filme will, die offensichtlich für sie produziert werden. Das Etikett «Jugendfilm» ist bei ihnen etwa so beliebt wie das Etikett «Pubertät». Wenn immer Jugendliche in diesem Alter die Wahl haben, zwischen einem Film für Jugendliche und einem für Erwachsene, werden sie den Film für Erwachsene wählen. Sie wollen ernst genommen werden und fühlen sich von «Kinderkram» herabgesetzt.

Die immense Beliebtheit von Fantasyund Comic-Literatur bei allen Generationen verstärkt diese Schwierigkeit massiv. Vorlagen wie «Twilight», «Maze Runner», «Die Bestimmung» und «Die Tribute von Panem» oder die Comic-Serien von Marvel («Spiderman», «Hulk») und DC («Superman», «Batman») produzieren auf der Leinwand zwangsläufig Bildgewalt, Action und Spezialeffekte. Damit werden nicht nur die Bilder, die sich unsere Kreativität bei der Lektüre erschaffen hat, in Frage gestellt. Die Filme werden auch so horrend teuer, dass es wirtschaftlich äusserst unklug wäre, damit nur einen Teil des Publikums anzusprechen. Ein Megaseller stellt für eine Verfilmung ein grosses wirtschaftliches Potential dar, verlangt aber auch eine äusserst aufwändige und damit teure Adaption.

Verschobene Massstäbe

Konkret bedeutet das: Um ein möglichst breites Publikum – eben die ganze Familie – anzusprechen, sind Verfilmungen von Bestsellern meist so abgestimmt, dass sie von der FSK ab 12 Jahren frei gegeben werden. Das fällt heute leichter als noch vor dreissig Jahren, weil sich auch das jugendliche Publikum an vieles gewöhnt hat: Die Massstäbe, wie viel brutale Gewalt und offen gezeigte Sexualität ihnen zuzumuten sind, hat sich massiv verschoben. Das wird besonders bei der Veröffentlichung älterer Filme auf DVD deutlich. Wenn diese ohne die erneute Beurteilung durch die FSK auf DVD erscheinen – was aus Kostengründen nicht selten geschieht – bleiben die alten Altersfreigaben stehen. Dann wundert man sich, weshalb eine harmlose Komödie erst ab zwölf frei gegeben ist – wie beispielsweise «Das grosse Rennen rund um die Welt» oder gar ab 16 – wie «Frühstück bei Tiffanys».

Auch was die Komplexität der Dramaturgie, die Schnelligkeit des Schnitts oder die Qualität der Tricktechnik angeht – die für die Beurteilung durch die FSK normalerweise keine Rolle spielen –, hat das jugendliche Publikum heute ebenso grosse, wenn nicht sogar höhere Ansprüche als die Erwachsenen. Häufig sind ihnen Kinder und Jugendliche in der Fähigkeit, schnelle und komplexe Bilder zu «lesen» sogar überlegen. Die zwischen 1988 und 1990 bei der BBC nach den Narnia-Büchern von C.S. Lewis entstandene Serie könnte heute weder im Fernsehen noch im Kino bestehen, obwohl sie sehr kindgerecht gestaltet ist und den Tonfall der Vorlage genau trifft. Zu gemächlich, zu hölzern, zu unspektakulär, zu handgestrickt würde heute wohl das Urteil lauten. Die drei Kinofilme jedoch, die von 2005 bis 2010 produziert wurden, sind streng kalkuliertes «Family Entertainment». Was Ende der 1980er-Jahre in der BBC noch märchenhaft verspielt daher kam – die meisten Fabelwesen wurden beispielswese von Menschen in theaterhaften Kostümen gespielt –, muss nun aufgeblähten Event-Movies weichen, die mit viel Schlachtgetöse aufwarteten und Schauwerte boten, die C.S. Lewis nirgends beschrieben hatte – und gewiss auch nicht beschreiben wollte.

Der Fluch der Erwartung

Der eigentliche «Fluch» jeder Literaturverfilmung besteht jedoch – abseits zeitgemässer Bildsprache und Tricktechnik – darin, dass sie auf die Erwartungshaltung des Publikums trifft. LeserInnen – ob gross oder klein – tragen, genau wie Paul Maar es beschrieben hat, bereits einen Film in sich. Gegen diese unzähligen verschiedenen Filme tritt nun die Verfilmung an. Verschiedene Interpretationen eines Stoffs prallen also unverweigerlich aufeinander. Und ebenso unweigerlich vergleichen wir unseren «Film» mit jenem auf der Leinwand. Das Symptom dafür ist seit jeher dasselbe: Beim Verlassen des Kinos urteilen die einen: «Guter Film: Genau so habe ich mir das vorgestellt.» Und die anderen meinen: «Schlechter Film: Das habe ich mir ganz anders vorgestellt.»

Mit diesem Dilemma muss jede Literaturverfilmung rechnen, völlig gleichgültig, welche Altersstufen sie ansprechen sollen. Der Jugendschutz prüft jedoch nicht, ob eine Verfilmung der Vorlage gerecht wird, und auch nicht, ob sie dieselbe Zielgruppe anspricht. Zudem wird das, was Kindern und Jugendlichen an Bildern zugemutet werden darf, heute komplett anders beurteilt als noch eine und erst recht zwei Generationen zuvor. Die in diesem Beitrag erwähnten Fantasy-Bestseller wurden samt und sonders ab zwölf Jahren frei gegeben, obwohl sie Gewalt in einer Art und Weise darstellen, wie sie im letzten Jahrhundert selbst im Erwachsenenkino die Ausnahme waren. Was 2001 bei Harry Potter noch für Diskussionen sorgte, ist inzwischen offenbar akzeptierte Praxis: Die filmische Umsetzung wird stetig «erwachsener» während die Altersfreigabe ebenso stetig «kindlicher» wird.

Thomas Binotto
«Buch&Maus» 3/2015